Jogginghose als Beziehungskiller: Warum wir uns gehen lassen
Jogginghose als Beziehungskiller: Warum wir uns gehen lassen

Berlin. Am Anfang einer Beziehung sind wir alle ein bisschen Hochstapler. Wir ziehen den Bauch ein, obwohl wir wissen, dass er irgendwann wieder herauskommt. Wir springen morgens möglichst unbemerkt aus dem Bett und verschwinden ins Bad, als wartete dort eine geheime Mission: Zähne putzen, Haare kämmen, das Gesicht waschen. Niemand soll erfahren, dass wir nachts schnarchen, sabbern oder aussehen wie jemand, der in einem Wäschekorb überwintert hat. Pupsen? Undenkbar. Rülpsen? Niemals.

Man bewegt sich durch die Wohnung wie eine Mischung aus Filmstar und Außenminister. Wer jemanden gewinnen möchte, zeigt nicht seine schlechteste Seite. Wir möchten gefallen, begehrenswert wirken, besonders erscheinen.

Und dann geschieht das Alltägliche

Man lernt sich näher kennen, gewöhnt sich aneinander. Man kennt Geruch, Gewohnheiten und Macken. Aus dem Menschen, der früher heimlich ins Bad schlich, wird jemand, der morgens aussieht, als habe ihn ein kräftiger Wind aus dem Bett geweht. Die Jogginghose übernimmt das Kommando. Der schöne Pullover bleibt im Schrank, das gute Duftwässerchen unbenutzt.

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Warum wir Fremden unser bestes Ich zeigen und zu Hause nicht

Natürlich hat das auch etwas Tröstliches. Vertrauen bedeutet schließlich, sich nicht dauerhaft inszenieren zu müssen. Niemand kann jahrelang jeden Tag seine beste Version aufführen. Irgendwann fällt die Maske. Zum Glück. Und doch bleibt eine Frage: Warum geben wir uns bei Fremden oft mehr Mühe als bei denen, die wir lieben? Für einen Geschäftstermin wird das Hemd gebügelt. Für Freunde greift man zum guten Duft. Dem Paketboten öffnet man geschniegelt die Tür. Der Mensch an unserer Seite hingegen bekommt bisweilen die Version von uns zu sehen, die aussieht, als hätte sie beim Anziehen den Lebensmut verloren.

Neulich bemerkte ich, dass ich mich für einen Termin sorgfältiger angezogen hatte als für einen Abend mit meiner Freundin Maria. Eine seltsame Priorität. Dem früheren Kollegen möchte ich gefallen, der Frau an meiner Seite offenbar weniger. Der Gedanke gefiel mir nicht. Denn ich möchte Maria auch nach vier Jahren Partnerschaft noch gefallen. Nicht aus Unsicherheit; nicht, weil ich jemand anderes sein will. Sondern aus Wertschätzung.

Kleine Gesten stärken Beziehungen im Alltag

Sie liebt Düfte. Ich mag es, wenn sie Parfüm trägt – nicht wegen des Duftes selbst, sondern wegen der Botschaft, die darin steckt: Ich habe mir Mühe gegeben. Vielleicht unterschätzen wir genau diese kleinen Gesten. Wir reden doch oft über große Worte wie Liebe, Vertrauen und Verbundenheit. Im Alltag zeigen sie sich anders: in dem Hemd, das ihr gefällt. In einer Einladung zum Portugiesen, obwohl es nur ein gewöhnlicher Mittwoch ist. In einem Kompliment, das nicht nötig gewesen wäre.

Die Paartherapeutin Esther Perel beschreibt Beziehungen als ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Anziehung. Nähe entsteht durch Vertrautheit. Anziehung lebt davon, dass wir den anderen nicht völlig als selbstverständlich betrachten. Vielleicht liegt darin ein kleines Geheimnis gelingender Partnerschaften. Man darf sich fallen lassen. Aber man sollte nicht liegen bleiben.

Liebe bedeutet nicht, sich zu verstellen. Und sie bedeutet auch nicht, dauerhaft den Bauch einzuziehen. Vielleicht eher etwas Einfacheres: Auch nach Jahren noch gelegentlich die bessere Version seiner selbst hervorzuholen. Nicht für die Welt da draußen. Sondern für den Menschen, dessen Aufmerksamkeit einem einmal wichtiger war als alles andere.

Sich trotzdem Mühe geben zu gefallen, jeden Tag

Nach vierzig Ehejahren muss niemand mehr so tun, als würde er nie pupsen – das wäre eine bemerkenswerte, vermutlich aber gesundheitlich bedenkliche Leistung. Aber vielleicht kann man den anderen trotzdem überraschen. Mit dem Parfüm von früher. Mit einem handgeschriebenen Liebesbrief auf dem Küchentisch. Mit der Einladung zu einem Restaurantbesuch ohne Anlass. Denn vielleicht ist das die erwachsenste Form der Liebe: zu wissen, dass der andere längst alle Schwächen kennt – und sich trotzdem Mühe zu geben, ihm zu gefallen. Nicht jeden Tag. Aber immer wieder. Meinen Bauch einziehen muss ich nicht immer; Maria zu zeigen, dass ich's noch kann, ist vielleicht aber ein Kompromiss.

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