Panorama: Opfer von Messergewalt
Der Fall des 18-jährigen Studenten Henry Nowak, der im Dezember 2025 in Southampton von einem Sikh mit einem Messer angegriffen und getötet wurde, sorgt weit über die britischen Grenzen hinaus für Aufsehen. Der 23-jährige Täter Vickrum Digwa wurde zunächst von der Polizei als Opfer behandelt, während der sterbende Nowak Handschellen angelegt bekam. Am Montag endete der Prozess mit einer lebenslangen Haftstrafe für Digwa. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem brisanten Fall.
Warum kocht der Fall jetzt wieder hoch?
Die wahren Umstände des Vorfalls vom 3. Dezember 2025 klärten sich erst nach einiger Zeit auf. Die Polizei erkannte, dass Digwa eher Täter als Opfer war und leitete Ermittlungen gegen den 23-Jährigen ein. Am Montag wurde der Prozess in Southampton abgeschlossen: Der Angreifer wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Erst nach 20 Jahren wird beurteilt, ob er auf Bewährung freikommen kann.
Wie konnte es zu dem tödlichen Polizeifehler kommen?
Anwohner alarmierten die Polizei in jener Nacht, als sie Schreie hörten. Auch Digwa rief den Notruf an. Als die Beamtinnen und Beamten am Ort des Geschehens eintrafen, fanden sie den mehrfach niedergestochenen Henry Nowak und den unwesentlich verletzten Vickrum Digwa vor. Letzterer gab an, dass er „von dem Betrunkenen rassistisch beleidigt und verfolgt“ wurde, wogegen er sich verteidigt habe. Daraufhin legten die Ermittler Nowak zunächst Handschellen an, ehe sie mit Erste-Hilfe-Maßnahmen begannen. Der Student verlor daraufhin das Bewusstsein. Auch ein per Hubschrauber angerückter Notarzt konnte nichts mehr für den 18-Jährigen tun. Er starb noch am Tatort. Zu den Stichen behauptete Digwa, er habe aus Notwehr gehandelt und nicht gesehen, wohin er stach, da ihm die Haare ins Gesicht gefallen seien. Später entdeckte Videoaufnahmen belegten jedoch, dass sein Haar zu einem Dutt, also nach hinten, gebunden war.
Wie lief der Angriff ab?
Nowak war an jenem Abend auf dem Heimweg von einem Treffen mit Teamkollegen seiner Fußballmannschaft. Auf dem Weg nahm der 18-Jährige Videos auf Snapchat auf, die den Beginn der Auseinandersetzung zufällig dokumentierten, hieß es vor Gericht. Laut den Angaben des Staatsanwalts Nicholas Lobbenberg stach Digwa mindestens viermal auf Nowak ein. Zwei Schnittverletzungen wurden an der Rückseite der Beine und eine weitere am Kiefer festgestellt. Digwa benutzte dafür ein „extrem großes Shastar“ – ein dolchähnliches Messer mit einer etwa 21 Zentimeter langen Klinge. Nach den ersten Stichen versuchte der Student zu fliehen. Eine Blutspur habe davon gezeugt, dass er sogar versuchte, über einen Zaun zu klettern. Doch der 23-Jährige „verfolgte ihn aggressiv“, so der Staatsanwalt. Digwa habe den Fluchtversuch des Opfers gefilmt – und wie dieses sagte, dass es sterben werde. Als die vier Polizeikräfte eintrafen, sagte Nowak „Ich kann nicht atmen“ und „Ich wurde erstochen“, doch die Beamten setzten die Festnahme fort. „Um halb eins nachts war Henry tot“, so Lobbenberg.
Was sagte Vickrum Digwa zur Tat?
Im Prozess berief sich Digwa auf Notwehr. Vor Ort habe er den Ermittlern jedoch nicht gesagt, dass er angegriffen worden sei. „Warum sollten sie dem Notrufmitarbeiter nicht das Wichtigste über Ihre Beweggründe mitteilen, wenn es gesagt worden wäre?“, fragte der Staatsanwalt vor Gericht. „Er erwähnte die Morddrohung nicht einmal in seiner Verteidigungsschrift. Sie kam von ihm zum ersten Mal im Zeugenstand.“ Lobbenbergs Theorie: „Er erzählt es, weil er versucht, seine Taten zu vertuschen. Und Rassismus war sein Trumpf, um sicherzustellen, dass sein Handeln rechtmäßig war.“
Was ist in den Videos zu sehen, die der Student aufnahm?
In einer Aufnahme ist zu hören, wie Nowak gähnt und singt, berichteten britische Medien aus dem Gerichtssaal, in dem die Clips abgespielt wurden. Als der Student bemerkte, dass er verfolgt wurde, drehte er sich um. Digwa war zu sehen. Nowak konfrontierte den späteren Angreifer: „Bist du ein böser Mann? Was für ein böser Mann! Du bist ein böser Mann. Sag schon, dass du ein böser Mann bist, los jetzt!“, rief er ihm zu. Digwa, der wohl ein Messer in der Hand hielt, entgegnete nur: „Ich bin ein schlechter Mensch.“ Die Aufnahme endete daraufhin abrupt. Staatsanwalt Lobbenberg sagte, es gebe ein weiteres Video, in dem zu sehen ist, wie Digwas Mutter an den Tatort fuhr und das Messer an sich nahm. Sie soll es mit nach Hause genommen haben. Woher die Aufnahmen stammen, ging nicht aus den Medienberichten zum Prozess hervor. Die Frau äußerte sich nicht zu den Vorwürfen. „Alles, was sie sagt, wird ihre Schuld und die Schuld ihres Sohnes beweisen“, war Lobbenberg überzeugt.
Was ist über den Angreifer bekannt?
Vickrum Digwa sei mit Waffen bestens vertraut und schlafe sogar damit, sagte Lobbenberg im Prozess. Der Verurteilte habe Klingen „gemocht“ und „seit seinem zwölften Lebensjahr mit Waffen trainiert“. Laut Anklage ist Digwa „ein Mann, der Waffen mag. Man weiß ja, dass er auf seinem Handy danach sucht“, sagte Lobbenberg. „Er beschreibt die Mordwaffe in liebevollen Worten.“ Seine Mutter habe laut Staatsanwaltschaft zu Hause „ein ganzes Waffenarsenal“ gehabt.
Welche Nationalitäten sind hier im Spiel?
Sowohl das Opfer als auch der Angreifer sind britischer Herkunft. Digwa ist praktizierender Sikh. Der Sikhismus ist die fünftgrößte Weltreligion und stammt aus dem Norden Indiens. Sikhs glauben an einen formlosen, allgegenwärtigen und zeitlosen Schöpfer. Sie leben nach dem Grundsatz, dass alle Menschen vor Gott absolut gleich sind, unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Religion. Ehrliche Arbeit, das Teilen mit Bedürftigen und Nächstenliebe stehen im Zentrum ihres Glaubens. Sikhs, die sich der Khalsa-Bruderschaft anschließen, bekennen sich zu den „fünf K“: Kesh (ungeschnittene Haare), Kangha (Holzkamm), Kara (eiserner Armreif), Kachera (Baumwollunterhose) und Kirpan (kleines Schwert). Auch Digwa trug einen Kirpan bei sich, an einer Kette um den Hals. In Großbritannien dürfen gläubige Sikhs den Kirpan jederzeit bei sich tragen. Dessen Klinge kam aber den Erkenntnissen zufolge nicht als Tatwaffe zum Einsatz. „Es ist ein Grundprinzip des Sikhismus, dass ein Kirpan als Symbol des religiösen Glaubens getragen wird und niemals zu Angriffszwecken verwendet werden darf“, erklärte Richter Mousley im Prozess.
Welche Konsequenzen haben die Polizeibeamten zu befürchten?
Zu möglichen Konsequenzen ist bisher nichts bekannt. Die Polizeiaufsichtsbehörde Independent Office for Police Conduct (IOPC) untersucht den Fall jedoch weiter. Lediglich einer der vier am Einsatz beteiligten Polizisten quittierte bisher seinen Dienst.
Wie reagiert die Bevölkerung?
Nach dem Urteil kam es zu eskalierenden Protesten. Bei einer Demonstration in Southampton am Dienstagabend wurden elf Polizistinnen und Polizisten sowie ein Polizeihund verletzt. Es seien laut einem Bericht der britischen Zeitung „The Sun“ Ziegelsteine, Flaschen und Mülltonnen auf die Ermittler geworfen worden. Auch aufseiten der Protestierenden gab es Verletzte – wie viele genau, konnte die Polizei jedoch nicht sagen. Zu der Demo rief der rechtsextreme Hooligan Tommy Robinson auf. Hintergrund des ausufernden Protests sind Vorwürfe gegen die Strafverfolgungsbehörde. Es geht um Ungleichbehandlung zur Benachteiligung der weißen Bevölkerung. In Anlehnung an die George-Floyd-Proteste „Black Lives Matter“ ist nun die Rede von „White Lives Matter“.



