In Berlin-Kreuzberg, nahe dem Askanischen Platz, steht ein traditionsreiches Eckhaus seit Jahren leer und verfällt. Die Rede ist vom Gebäude Bernburger Straße 35, das einst die Kultkneipe „Stadtklause“ beherbergte. Trotz akuter Wohnungsnot in der Hauptstadt bleibt die Immobilie ein sogenanntes Geisterhaus. Berlins Mieterverein schätzt, dass es in der Stadt bis zu 100 solcher verwahrloster Häuser gibt, möglicherweise sogar mehr.
Die Lage des Geisterhauses
Das Geisterhaus befindet sich an der Adresse Bernburger Straße 35 im Ortsteil Kreuzberg des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Die genauen Koordinaten lauten G93J+V7P Berlin. Es ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar: Die Buslinie M41 hält an der Station S Anhalter Bahnhof, von dort sind es nur etwa zwei Minuten Fußweg über den Askanischen Platz. Das Grundstück ist jedoch Privatbesitz, das Betreten ist Unbefugten nicht erlaubt.
Geschichte des Gebäudes
Das Eckhaus wurde 1844 im Zuge der Erstbebauung der Bernburger Straße errichtet. Seit den 1870er-Jahren war es Sitz der Grote’schen Verlagsbuchhandlung, einem der damals führenden Verlage im deutschsprachigen Raum. Ab 1915 firmierte das „Hotel Sedan“ in dem Gebäude. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wurde es nach dem Krieg mit einer schlichteren Fassade wiederaufgebaut. In den 1960er-Jahren eröffnete Otto Dehne hier die Kultkneipe „Askania-Klause“, die nach einem Leerstand 2006 als „Stadtklause“ wiedereröffnete. In den Jahren 2023 und 2024 wurde das Haus schrittweise entmietet, seitdem steht es leer und verfällt.
Der aktuelle Zustand
Das Gebäude ist in einem desolaten Zustand. Zugänge wurden zugemauert, Inneneinrichtungen zerstört. Türen und Fenster zum Hof wurden ausgebaut, die Innenflächen sind der Witterung ausgesetzt. Bauschutt stapelt sich im Innenhof, der Putz blättert von den Fassaden. Auch das große Street-Art-Wandbild an der Feuerschutzwand, das 2018 von den Künstlern James Bullough, Telmo Pieper und Miel Krutzmann geschaffen wurde, zeigt Spuren des Verfalls. Nach zwei feuchtkalten Wintern ist das Haus unbewohnbar, abgesehen von Ratten und Tauben, die sich dort eingenistet haben. Sanierungsarbeiten sind nicht erkennbar.
Rechtliche Auseinandersetzungen
Der Eigentümer des Hauses stellte einen Abrissantrag mit dem Plan, das Gebäude durch einen Neubau mit Kultur-, Wohn- und Büroflächen zu ersetzen. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg lehnte den Antrag jedoch ab, da der Eigentümer nicht nachweisen konnte, angemessenen Ersatzwohnraum für die wegfallenden Wohnungen zu schaffen. Daraufhin leitete der Bezirk ein Amtsermittlungsverfahren wegen Zweckentfremdung durch Leerstand ein. Laut Bezirksamt ruht dieses Verfahren jedoch, da ein erneuter Abrissantrag mit ergänzenden Unterlagen geprüft wird. Kritiker befürchten, dass das Haus so lange verfallen könnte, bis es nicht mehr sanierungsfähig ist, was den Weg für Abriss und Neubau mit teureren Mieten freimachen würde.
Zukunft ungewiss
Die verdrängte „Stadtklause“ und der Jugendtreff „Alte Feuerwache“ haben 2025 in der Stresemannstraße eine neue Bleibe gefunden. Die Zukunft des Geisterhauses an der Bernburger Straße bleibt jedoch ungewiss. Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) äußerte sich kritisch: „Es gab den Versuch des Eigentümers, das Gebäude abreißen zu lassen, dafür gab es keine Genehmigung vom Bezirksamt. Was den Leerstand der Wohnungen anbelangt, da ist unser Wohnungsamt dran, wegen der Zweckentfremdung hinterher zu sein.“ Trotz des erheblichen Wohnraummangels in Berlin ist eine Lösung für dieses traditionsreiche Eckhaus weiterhin nicht in Sicht.



