Köln. Der Handel mit historischen Fahrzeugen lief für Patrick Kordes lange Zeit prächtig. „Wie geschnitten Brot“ habe er automobile Klassiker verkauft, etwa von Mercedes-Benz, berichtet der Oldtimer-Händler aus dem niedersächsischen Lastrup. Eine S-Klasse von Daimlers legendärer Baureihe W126 oder ein W124, der beliebte Begründer der E-Klasse, standen oft keine zwei Tage auf dem Hof, dann waren sie an Liebhaber verkauft.
Doch das Geschäft hat sich stark eingetrübt. Verkaufte Kordes einen Mercedes SL Pagode, für Mercedes-Fans ein Traumwagen, früher noch für 110.000 Euro, wurde er ein aktuelles Exemplar kaum für die Hälfte los. Auch Fahrzeuge für rund 20.000 Euro seien plötzlich Ladenhüter, sagt der Oldiehändler.
In der zeitlos eleganten S-Klasse W126 ließen sich einst Wirtschaftsbosse und Staatsmänner wie Helmut Kohl chauffieren. Doch ein dunkelblauer 500 SE mit Achtzylinder und feinem Velour-Interieur stand sich bei Kordes lange die Reifen platt. „Dafür rief nicht einmal jemand an.“
Die verschmähten Luxus-Benze sind kein Einzelfall. Im ganzen Land klagt die Oldtimer-Branche über schlechte Geschäfte, bei vielen Modellen sind die Preise eingebrochen. Sind alte Autos plötzlich uncool geworden?
Stimmungsumschwung nach jahrelangem Boom
Der Stimmungsumschwung überrascht, ist die Szene doch verwöhnt von jahrelangem Boom. Die Zahl der Pkw mit historischem Kennzeichen geht auf die Million zu, der Bestand hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Oldtimer sind überall zu sehen, ob in Werbung oder TV – kaum ein Kommissar oder Landarzt, der nicht mit altem Ford oder Opel vorfährt. Vom Hype ums alte Blech lebt ein ganzer Wirtschaftszweig, der mit Messen, Werkstätten, Ersatzteilhandel und Fahrzeugverkauf Milliarden umsetzt.
Sind die Preise zu hoch?
Für Marktbeobachter ist die schwächelnde Wirtschaft schuld. Zukunftsängste und Einkommensverluste bildeten einen „giftigen Cocktail“, schrieb der Chefredakteur der Fachzeitschrift „Motor Klassik“, Hans-Jörg Götzl. Da stecke man seinen Notgroschen eher nicht in ein altes Auto. „Entsprechend laut stöhnen viele Händler.“
Womöglich sind aber auch ihre Preise überzogen. Zwar ist der Klassiker-Markt groß. Allein bei Werkstätten und Ersatzteilen gebe es ein Umsatzpotenzial von 3,6 Milliarden Euro, analysiert die Classic-Studie 2025 der Beratungsgesellschaft BBE Automotive. Aktuell stagnieren die Oldtimer-Preise, sagt ein Experte.
Doch die Goldgräberstimmung scheint vorbei. Jahrelang wuchsen die Fahrzeugbestände zumeist im zweistelligen Bereich, selbst Rostlauben verkaufte manch einer noch als besonderen Scheunenfund oder ehrlichen Klassiker mit „Patina“. Erstmals verzeichnet die Classic-Studie, als wichtigster Branchenbericht, unterstützt von mehreren Firmen und Verbänden, nach vielen Jahren des rasanten Wachstums nun eine gewisse Stagnation.
Vor allem im Hochpreissegment scheint die Preisblase geplatzt. Beim Porsche 911 Carrera 2.7, einer Sportwagen-Ikone aus den 1970ern, brach der Marktwert im Vergleich zu 2019 um 18 Prozent ein, wie aus Daten des Marktbeobachters Classic Data hervorgeht. Noch härter trifft es Modelle aus den 50er- und 60er-Jahren.
Werteverfall bei Klassikern
Beim BMW „Barockengel“ sank der Marktwert um fast 20 Prozent, beim Glas 2600 V8 um 21 Prozent. Das Coupé war 1966 ein Luxusauto: „Heute kennt die Marke kaum noch einer“, heißt es bei Classic Data. Die Bochumer beobachten seit über 30 Jahren den Oldtimer-Markt. 2025 sei die Auftragslage „klar dünner“ als noch im Vorjahr. „Alter Glanz hat seine Strahlkraft verloren.“
Fachleute für die Reparatur fehlen. Die Oldtimer-Passion hängt oft mit Kindheitserinnerungen zusammen, etwa wenn der Vater oder der Nachbar auch so ein Modell fuhr. Doch die Zahl derer, die einen persönlichen Bezug zu einem BMW Barockengel oder einer Borgward Isabella haben, nimmt rapide ab.
„Im Klassikermarkt zeigt sich ein Generationeneffekt“, sagt auch Nils Möller von der Gebrauchtwagen-Plattform mobile.de. Dort seien die Preise für Oldtimer, insbesondere Fahrzeuge aus den 50er-Jahren, 2025 deutlich gefallen, teils um mehr als ein Drittel. Auch 70er-Jahre-Klassiker verzeichneten Preisrückgänge von rund 10 Prozent. Besonders hart traf es BMW 318i (minus 27,6 Prozent), Trabant 601 (minus 25,9 Prozent) und Mercedes-Benz 300 (minus 21 Prozent).
Ein Problem haben mitunter auch die Werkstätten, nämlich mit der antiquierten Technik. Kfz-Mechatroniker sind heute gewohnt, ihren Laptop ans Auto anzuschließen und Fehler auszulesen. Um alte Vergasermotoren zu warten, fehlen die Fachleute.
Dazu kommen Engpässe bei den Ersatzteilen. Passende Komponenten aufzutreiben, wird schwieriger. Dramatisch verteuert haben sich zudem die Preise. Die Hersteller rufen teils absurd hohe Summen auf, auch sie haben aus dem Oldtimer-Hype längst ein lukratives Geschäft gemacht.
Youngtimer als Ausweg
Doch Vintage-Fans haben inzwischen einen Ausweg gefunden: Youngtimer. So heißen Autos, die für das H-Kennzeichen noch zu jung sind, aber trotzdem schon Kultstatus haben können. Besonders attraktiv scheint hier allerdings der günstige Preis zu sein.
Statt nach einem stattlichen 300er Mercedes oder Porsche 911 schauen viele Leute jetzt nach einem VW Golf 4 oder Opel Corsa B aus den 1990er Jahren. Diese beliebten Modelle seien schon ab etwa 1.400 Euro zu haben, sagt Nils Möller von mobile.de.
Günstige Youngtimer statt teure Oldtimer: An diesem neuen Trend möchten Autohändler wie Patrick Kordes teilhaben. Auf seinem Hof in Lastrup ist er schon dabei, das Fahrzeugangebot anzupassen. Zwar steht noch der ein oder andere Luxus-Benz zum Verkauf. Doch oft gehen schon heute Brot-und-Butterautos wie der VW Golf 4 schneller weg.



