Die stille Wirtschaftswende in Deutschland zeigt immer deutlichere Spuren: Weniger Werkbank, mehr Staat – und der Arbeitsmarkt gerät unter Druck. Bert Rürup, Chefökonom des Handelsblatts, und Axel Schrinner analysieren die aktuelle Entwicklung.
Wachstumsschwäche erreicht den Arbeitsmarkt
Als Ende Mai das Statistische Bundesamt seinen Bericht zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das erste Quartal 2026 veröffentlichte, stand das höher als erwartet ausgefallene Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent im Fokus der Berichterstattung. Die reale Wirtschaftsleistung erreichte damit das höchste Niveau seit 13 Quartalen. Gemessen am Vor-Corona-Niveau von Ende 2019 weist die amtliche Statistik freilich für die Jahre 2020 bis 2025 insgesamt nur einen bescheidenen Zuwachs von 0,8 Prozent aus.
Jobwunder endet – Beschäftigung sinkt
Weniger Beachtung fand hingegen der Befund, dass das vor fast zwei Jahrzehnten einsetzende deutsche Jobwunder sein Ende gefunden hat. Für das erste Quartal 2026 meldete das Statistische Bundesamt nur noch 45,6 Millionen Erwerbstätige und damit 157.000 Personen weniger als ein Jahr zuvor. Fakt ist: Die Beschäftigung geht zurück – während der Anteil der Teilzeitbeschäftigten steigt.
Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erhöhte sich die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,9 Prozent, während die der Vollzeitbeschäftigten um ein Prozent zurückging. Dieser Trend wird durch den Alterungsschub verstärkt, da viele ältere Arbeitnehmer in den Ruhestand gehen und weniger junge Menschen nachrücken.
Wie kann der Wohlstand gesichert werden?
Die Kombination aus schwachem Wirtschaftswachstum und schrumpfender Erwerbsbevölkerung stellt die Politik vor große Herausforderungen. Um den Wohlstand zu sichern, sind laut Experten strukturelle Reformen nötig: mehr Investitionen in Bildung, Digitalisierung und Infrastruktur sowie eine gezielte Zuwanderung von Fachkräften. Zudem müsse der Staat seine Ausgaben effizienter gestalten, um Spielraum für Zukunftsinvestitionen zu schaffen.
Die stille Wirtschaftswende erfordert ein Umdenken: Weg von der reinen Exportorientierung, hin zu einer stärkeren Binnenwirtschaft und einem modernen Staat, der Innovationen fördert und soziale Sicherheit gewährleistet. Nur so könne Deutschland langfristig wettbewerbsfähig bleiben.



