Der staatliche ukrainische Stromnetzbetreiber Ukrenerho bereitet sich auf den nächsten Winter vor, während Russland weiterhin die Energieinfrastruktur angreift. In einem Interview mit dem Tagesspiegel gibt Geschäftsführer Witalyj Zaijtschenko Einblicke in die Strategien seines Landes und teilt Ratschläge für Europa, insbesondere für Deutschland.
Angriffe auf russische Ölraffinerien
Auf die Frage nach ukrainischen Angriffen auf russische Ölraffinerien erklärt Zaijtschenko: „Unsere Streitkräfte versuchen, Russlands Aggression zu stoppen. Sie treffen Energieanlagen, weil Ölexporte die Kriegswirtschaft finanzieren. Indem wir ihnen schaden, können wir an der Front Fortschritte machen.“ Diese Angriffe seien ein erster Schritt, um den Krieg zu beenden, und sie veränderten die Haltung der russischen Bevölkerung.
Vorbereitung auf den Winter
Zaijtschenko betont, dass Russland derzeit nicht die Stromerzeugung, sondern andere Ziele ins Visier nehme. Dies sei eine Chance, den Schutz der Infrastruktur zu erhöhen. Für den kommenden Winter sollen 90 Prozent der Transformatoren durch Schutzbauten gesichert sein. Zudem seien die Regionen verpflichtet, ausreichend Strom für kritische Einrichtungen bereitzustellen. „Das macht es auch für uns leichter, den Menschen Strom zu liefern – mit kürzeren Phasen ohne Versorgung“, so der CEO.
Herausforderungen: Zeit und Geld
Die Hauptprobleme seien Zeit und Geld. Für den Winter benötige Ukrenerho 130 Millionen Euro. Zwar gebe es Vorauszahlungen aus dem europäischen Ukraine Energy Support Fund, doch eine langfristige Finanzierung für die Energieresilienz fehle. Zaijtschenko äußert Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien als Lösung: „In den zwei kältesten Monaten haben Solaranlagen nur etwa 200 Megawatt erzeugt – sehr wenig.“
Ratschläge für Deutschland
Zaijtschenko empfiehlt Deutschland, auf EU-Ebene eine Reserve für Notfälle anzulegen. „Schon wenn jeder Betreiber in Europa einen kleinen Überschuss vorhält, hilft das allen“, sagt er. Zudem solle Deutschland über Flugverbotszonen über Umspannwerken nachdenken und elektronische Störmittel gegen Drohnen einsetzen. Die Europäer verständen das Problem, handelten aber noch nicht.
Zusammenarbeit mit Nachrichtendiensten
Das Frühwarnsystem von Ukrenerho funktioniere gut: Bei drohenden Angriffen würden Kunden vorsorglich vom Netz genommen und die Erzeugungsmuster umgestellt. Abfangdrohnen spielten eine wichtige Rolle, ebenso wie Maschinengewehre mit Radar und deutsche Gepard-Panzer. Allerdings seien die Patriot-Systeme knapp, sodass ein gesonderter Schutz für Energieanlagen nötig sei.
Betrugsfall bei Ukrenerho
Zum kürzlich aufgedeckten Betrugssystem, bei dem Ukrenerho etwa 450 Millionen Hrywnja verloren hat, sagt Zaijtschenko: „Wir arbeiten mit den Ermittlern zusammen. Kein Ukrenerho-Mitarbeiter steht unter Verdacht – wir sind Opfer dieses Betrugs.“ Er fordert Änderungen der ukrainischen Marktregeln, um solche Lücken zu schließen. Der Aufsichtsrat sei neu aufgestellt worden und werde effektiv arbeiten.
Fazit
Zaijtschenko appelliert an alle Länder, eine enge Zusammenarbeit zwischen Netzbetreibern, Rettungsdiensten, Streitkräften und Nachrichtendiensten aufzubauen und den Ernstfall zu üben. Die Ukraine habe dafür mehr als sechs Monate gebraucht, nun sei das System hochwirksam.



