Griechenland prüft den Einstieg in die Atomkraft
Die griechische Regierung untersucht den Einsatz von schwimmenden Kernkraftwerken zur Stromversorgung. Die Entscheidung markiert einen Kurswechsel in der Energiepolitik des Landes, das lange Zeit strikt gegen Atomkraft war.
Lange war Kernenergie in Griechenland ein Tabu – nicht zuletzt wegen des hohen Erdbebenrisikos in der Region. „Griechenland hat keine Kernkraftwerke, und wir werden auch niemals welche haben“, sagte Premierminister Kyriakos Mitsotakis noch im Dezember 2021 in einem Interview mit dem Handelsblatt. Jetzt ändert sich dies allerdings. „Griechenland schlägt eine neue Seite auf“, erklärte Mitsotakis im März auf dem Weltgipfel für Kernenergie in Paris. „Es ist an der Zeit zu prüfen, ob Kernenergie – insbesondere mit kleinen modularen Reaktoren – künftig eine Rolle im griechischen Energiesystem spielen kann“, so der Premier.
Ministerausschuss soll Vorschläge erarbeiten
Er hat einen Ministerausschuss eingesetzt, der in den nächsten Monaten konkrete Vorschläge erarbeiten soll. „Betrachten Sie Griechenland als einen Freund der Kernenergie“, sagte der Premier auf der Konferenz. Zusätzlichen Auftrieb erhielt die Debatte Ende Mai durch eine Studie der griechischen Denkfabrik Deon Policy Institute. Die Untersuchung analysiert den Einsatz dieser kleinen modularen Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR) als schwimmende Anlagen (Floating Nuclear Power Plants, FNPP) und erläutert, weshalb sie besonders gut zur geografischen Struktur Griechenlands passen könnten.
SMR funktionieren grundsätzlich wie klassische Kernkraftwerke. Die Hersteller sagen, sie könnten schneller gebaut werden, weil Teile in Fabriken vorgefertigt und zum Kraftwerksstandort transportiert werden. Das ermöglicht auch eine spätere Erweiterung. FNPP stehen auf einer Plattform oder einem Schiff und sind über Kabel mit dem Stromnetz oder einer lokalen Anlage verbunden. Weil das Meerwasser zur Kühlung genutzt werden kann, ist die Wärmeabfuhr leichter.
Kooperation mit Frankreich
Bereits Ende April hatten Mitsotakis und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Athen eine bilaterale Vereinbarung zur Zusammenarbeit im Bereich der Nukleartechnologie unterzeichnet. Im Mittelpunkt steht die Evaluierung von SMRs. Bislang setzte die griechische Regierung vor allem auf erneuerbare Energien. Im Jahr 2025 deckte Strom aus diesen Quellen 47 Prozent der Nachfrage. Die übrigen 53 Prozent entfielen auf fossile Brennstoffe, insbesondere Erdgas.
Zuvor nutzte das Land heimische Braunkohle. Der ursprünglich für 2028 geplante Kohleausstieg wird nun aber vorgezogen. Das letzte verbliebene Braunkohlekraftwerk, das im vergangenen Jahr noch 4,5 Prozent zur Stromerzeugung beitrug, soll nach Angaben des Stromversorgers PPC Ende 2026 vom Netz gehen und auf Erdgasbetrieb umgerüstet werden.
Herausforderungen durch erneuerbare Energien
Bis 2030 will Griechenland 80 Prozent seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen decken. Der steigende Anteil von Wind- und Solarenergie erfordert allerdings erhebliche Investitionen in Stromnetze, Speicher sowie intelligente Regel- und Steuerungssysteme, um Netzstabilität und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Starke Schwankungen bei der Erzeugung von Wind- und Solarenergie seien jedoch ein großes Problem, sagte der stellvertretende Energieminister Nikos Tsafos. Der tägliche Stromverbrauch des Landes liege bei etwa 140 bis 150 Gigawattstunden (GWh). Die Windstromproduktion schwanke zwischen zwei und 78 GWh pro Tag, die Photovoltaik-Erzeugung zwischen 2,6 und 54 GWh, erklärt Tsafos.
Die entscheidende Frage sei, was an Tagen geschehe, an denen beide Energiequellen wetterbedingt gleichzeitig nur geringe Mengen Strom lieferten. Auch wenn die Speicherkapazitäten zunähmen, sei für solche Situationen eine stabile Grundlastversorgung nötig, so der Vizeminister.
Atomkraft als Grundlast
Atomkraft soll diese Grundlast nun sichern. Dass sich viele Staaten Europas in den vergangenen Jahrzehnten von der Kernenergie entfernt haben, bezeichnet Mitsotakis als einen großen strategischen Fehler. „Europa wird strategische Autonomie, Wettbewerbsfähigkeit und Dekarbonisierung nicht ohne Kernenergie erreichen“, ist der Premier überzeugt. Für den Bau von Kraftwerken an Land sind jedoch die geologischen Risiken zu hoch: Griechenland liegt in der seismisch aktivsten Region Europas. Deswegen sollen die Anlagen auf See entstehen. Dadurch lasse sich das Risiko von Beschädigungen bei Erdbeben reduzieren, schreibt das Deon Policy Institute.
Griechenland verfügt über eine rund 15.000 Kilometer lange Küstenlinie – die längste aller Mittelmeerstaaten – sowie 227 bewohnte Inseln. Die schwimmenden Kernkraftwerke könnten in der Nähe von Regionen mit hohem Energiebedarf stationiert werden. Denn auf vielen Inseln dürfte der Strombedarf künftig durch den Bau von Entsalzungsanlagen deutlich steigen. Bei veränderten Bedarfsstrukturen könne man die Anlagen an andere Standorte verlegen.
Wirtschaftliche Chancen und Risiken
Auch die griechische Schiffbau- und Anlagenindustrie könnte erheblich profitieren. Rund 75 Prozent der Wertschöpfung solcher Anlagen entfallen auf die sogenannte „Balance of Plant“, also auf die nichtnuklearen Systeme und die zugehörige Infrastruktur. Jedoch gibt es auch spezifische Risikofaktoren für schwimmende Kernkraftwerke. Darunter die Gefahr, dass radioaktive Stoffe im Schadenfall ins Meer gelangen und maritime Lebensräume schädigen. Zudem sind die Anlagen mehr von Wetterverhältnissen abhängig. Für ihre Umsetzung gelten zudem Konflikte zwischen Kernenergie- und Seerecht als problematisch.
„Wir brauchen Kernenergie aus drei Gründen: Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit – Versorgungssicherheit, ökonomische Sicherheit und Klimasicherheit“, sagt Giorgos Laskaris, Präsident des Deon Policy Institute.
Öffentliche Meinung und politische Hürden
Noch verfügt Griechenland allerdings über keinen regulatorischen oder institutionellen Rahmen für den Betrieb von Kernkraftwerken. Die Regierung plant, bis zu den nächsten Parlamentswahlen einen Fahrplan zu entwickeln. Sie müssen spätestens im Frühjahr 2027 stattfinden. Politisch bleibt das Vorhaben umstritten. Die linken Oppositionsparteien lehnen die Kernenergie geschlossen ab. Auch in der Bevölkerung stößt sie weiterhin auf Skepsis. Einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr zufolge sprechen sich 43 Prozent der Griechen gegen die Nutzung von Kernenergie aus. Als Hauptgründe nennen die Gegner ungelöste Fragen der Endlagerung sowie Sicherheitsbedenken. Die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima lieferten zusätzliche Argumente.
Jedoch deutet sich ein Stimmungswandel an: Der Anteil derjenigen Griechinnen und Griechen, die Kernkraft befürworten, ist von 18 Prozent Ende der 2010er-Jahre auf inzwischen 30 Prozent gestiegen.



