Die Europäische Union führt den digitalen Produktpass (DPP) ein, um die Kreislaufwirtschaft zu fördern. Unternehmen stehen vor neuen Anforderungen, doch der Pass bietet auch Chancen für mehr Nachhaltigkeit und Wettbewerbsvorteile. Volker Kühn berichtet.
Vom linearen zum zirkulären Geschäftsmodell
Wilhelm Mauß, Geschäftsführer des Wasserzählerherstellers Lorenz aus der Schwäbischen Alb, erinnert sich an die Krise im Jahr 2005. Konkurrenten aus Niedriglohnländern drängten auf den Markt, das Unternehmen rutschte in Schwierigkeiten. Statt die Produktion ins Ausland zu verlagern oder an der Qualität zu sparen, entwickelte Mauß eine innovative Idee: die Rücknahme und Aufbereitung gebrauchter Zähler. „Wir sind von einem analogen und linearen Unternehmen zu einem digitalen und zirkulären geworden“, sagt er heute. Das Unternehmen vermietet mittlerweile digitale Zähler, um den Materialkreislauf zu schließen.
EU-Kommission treibt digitale Transformation voran
Die EU-Kommission will mit dem digitalen Produktpass die Kreislaufwirtschaft in Europa voranbringen. Produkte sollen langlebiger, ressourcenschonender und reparierbarer werden. Der Pass, der über QR-Codes oder NFC-Chips abrufbar ist, enthält Informationen zu Herkunft, Recyclingfähigkeit, CO₂-Fußabdruck und gefährlichen Inhaltsstoffen. Andrea Kostrowski von der Deutschen Umwelthilfe betont: „Das Ziel ist, Natur und Klima zu schonen und unsere Ressourcenabhängigkeit zu verringern. Letztlich geht es dabei auch um Wettbewerbsfähigkeit.“
Start mit Batterien
Der digitale Produktpass wird schrittweise eingeführt. Ab Februar 2027 gilt er zunächst für Großbatterien in E-Bikes, Elektroautos und stationären Speichern. Der Pass gibt Auskunft über Materialzusammensetzung, Rohstoffherkunft, Kapazität, Recyclinganteil und CO₂-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus. Für andere Produktgruppen wie Reifen, Stahl, Möbel oder Textilien werden die Inhalte noch erarbeitet. Jede Gruppe erhält einen eigenen delegierten Rechtsakt der EU.
Unternehmen zögern noch
Viele Unternehmen warten noch ab, bevor sie mit der Datensammlung beginnen. Michael Trunzer von Echo PRM sieht darin einen Fehler. „Der DPP hat ein Marketingproblem“, sagt er. Viele Firmen sähen den Pass als bürokratische Auflage, dabei biete er praktische Vorteile: Hersteller großer Maschinen könnten gedruckte Betriebsanleitungen in 27 Sprachen durch digitale Versionen ersetzen und so Kosten sparen. Zudem könnten Berichtspflichten wie ESG-Kennzahlen und Lieferkettendaten gebündelt werden.
Praxisbeispiele
Der Stahlverzinker Zinq aus Gelsenkirchen hat bereits einen eigenen Produktpass entwickelt, der mit Partnern wie Schmitz Cargobull und Arcelor Mittal getestet wird. Geschäftsführer Lars Baumgürtel erklärt: „Produkte mit nachgewiesener zirkulärer Qualität schaffen einen klaren Wettbewerbsvorteil, weil sie externe Kosten vermeiden und Ressourcen für geschlossene Kreisläufe sichern.“
Neue Dienstleister entstehen
Viele Unternehmen werden den DPP nicht allein umsetzen, sondern auf Serviceprovider zurückgreifen. Echo PRM will ein solcher Anbieter werden. Nora Sophie Griefahn von der NGO Cradle to Cradle betont: „Erst wenn nachvollziehbar ist, welche Materialien in welcher Qualität in einem Produkt stecken, lassen sie sich tatsächlich im Kreislauf führen.“ Der Pass müsse die vollständige Materialzusammensetzung und Rückführungswege abbilden und editierbar sein, damit auch Werkstätten und Recyclingbetriebe Daten eintragen können.
Herausforderungen und Ausblick
Die Einführung des DPP hat sich bereits verzögert. Im Zuge des Omnibus-Pakets der EU-Kommission zur Verschlankung von Berichtspflichten steht das Vorhaben unter Druck. Trunzer befürwortet einen „DPP light“ mit weniger Datenpunkten, um zunächst Erfahrungen zu sammeln. Er warnt davor, das Momentum zu verlieren: „Fachabteilungen, die das Thema vorantreiben wollen, bekommen nun endlich Budget und Personal. Ein Aufschub könnte die Dynamik gefährden.“
Für Wilhelm Mauß wäre ein Scheitern des DPP bitter, weil er anderen Unternehmen den Einstieg in die Kreislaufwirtschaft erleichtern könnte. Dass der Pass auch für Wasserzähler kommt und sein Alleinstellungsmerkmal schwindet, sieht er gelassen: „Bis einer so weit ist, sind wir schon wieder weiter.“



