„Vergeltung“ in Köln: Ein bombastischer Theaterabend über den Luftkrieg
„Vergeltung“ in Köln: Bombastischer Theaterabend

Ein Abend, der aus dem Einerlei des deutschen Stadttheaters weit herausragt: Im Kölner Depot feierte die Inszenierung von Gert Ledigs Roman „Vergeltung“ Premiere. Es war die letzte Vorstellung in der Ausweichspielstätte des Schauspiels Köln, bevor das Ensemble im Herbst in das renovierte Haupthaus am Offenbachplatz zurückkehrt. Nach 14 Jahren Bauzeit und Kosten von 1,5 Milliarden Euro endet damit eine Ära im Wartezustand.

Ein historischer Abend

Der neue Intendant Kay Voges bringt in seiner ersten Spielzeit einen lange vergessenen Ausnahmeroman auf die Bühne. Regisseur Sebastian Baumgarten verwandelt den schonungslosen Bericht über einen alliierten Bombenangriff auf eine deutsche Großstadt im Sommer 1944 in ein Live-Hörspiel, das seinesgleichen sucht. Wer im Drohnenzeitalter verstehen will, was Luftkrieg wirklich bedeutet, muss „Vergeltung“ erlebt haben.

Die Inszenierung

In den knapp zwei Stunden gibt es meist nur rote Lampen und eingeblendete Figurenangaben zu sehen. Der vollständig verdunkelte Saal erzeugt eine unheimliche Stimmung, die perfekt zum Thema passt. Die Dunkelheit lässt den Text mit einer Collage aus Geräuschen und Musik noch eindrucksvoller wirken und schützt vor plumper Bebilderung des Horrors. Jede Zeile erwischt einen wie ein aus der Finsternis abgefeuertes Geschoss.

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Die Inszenierung verbindet ästhetische Präzision und formale Konsequenz zu einem bahnbrechenden Theaterereignis. Sie haut einen um wie die Druckwelle einer Explosion. Dass dieser Abend so herausragt, liegt auch an der großartigen Vorlage. Ledigs 1956 erschienener Roman ist sprachlich und stilistisch avancierter als die Werke von Günter Grass oder Heinrich Böll.

Der vergessene Autor

Gert Ledig beschreibt die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ohne Kitsch oder Ornament. Seine klaren, kurzen Sätze zeigen das Unglück ungeschönt. Wie konnte Ledig nur so sehr in Vergessenheit geraten? Selbst W.G. Sebald wusste in seiner berühmten Poetikvorlesung „Luftkrieg und Literatur“ nichts von „Vergeltung“. Erst später wurde der Roman lobend erwähnt und neu aufgelegt, doch heute ist die Auflage bereits vergriffen. Ledig schrieb frustriert an seinen Verlag: „Zumindest ist eine Neuauflage nach dem Dritten Weltkrieg gesichert.“ Die Kölner Inszenierung lässt hoffen, dass es vielleicht sogar vorher noch etwas wird.

Der Brückenschlag zur Gegenwart

Baumgarten wagt den Brückenschlag zur Gegenwart, indem er die verdunkelte Szenerie immer wieder aufblendet. Dann sieht man rätselhafte Bilder aus einem U-Bahn-Schacht oder gefilmte Szenen von Kölner Straßen und Plätzen. Das Ensemble begibt sich auf die Spur einer vergessenen und verdrängten Geschichte, die am Ende wie eine Zombiehorde in zerrissenen Uniformen aus den Tunneln der Vergangenheit hervorkriecht. Baumgarten folgt Sebalds These, dass das Schweigen über die Verheerungen des Luftkriegs in Deutschland zu emotionaler Deformation geführt hat – mit fatalen Folgen bis heute.

„Vergeltung“ ist ein weiterer Beweis, dass das deutsche Theater in dieser Spielzeit das Thema Krieg mit beeindruckenden Inszenierungen auf die Bühne bringt. Nun kann man nur hoffen, dass das Schauspiel Köln diesen genialen Abend mit ins renovierte Haus am Offenbachplatz nimmt und in der kommenden Saison wieder auf den Spielplan setzt. Sonst wäre dieser historische Theaterabend aufgrund ärgerlicher Bauwirrnisse schneller verschwunden, als seine wahre Bedeutung begriffen worden wäre.

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