Ein junger Straftäter und eine suspendierte Lehrerin sollen gemeinsam 2.000 Kilometer auf dem Jakobsweg bewältigen. Was wie eine Zumutung klingt, wird in „Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg“ zu einem berührenden Roadmovie über Schuld, Vergebung und die Suche nach dem eigenen Weg.
Handlung: Zwei Lebenskrisen auf dem Pilgerweg
Adam (Julien Le Berre) ist voller Wut und Misstrauen. Der Jugendliche steht kurz davor, im Gefängnis zu landen. Als letzte Alternative erhält er die Chance, an einem pädagogischen Projekt teilzunehmen, das gefährdeten Jugendlichen durch lange Märsche einen Neuanfang ermöglicht. Begleitet wird er von Frédérique (Alexandra Lamy), genannt Fred, einer ehrenamtlichen Helferin und Lehrerin. Ihr eigenes Leben ist aus den Fugen geraten: Nach einer Ohrfeige gegenüber einer Schülerin wurde sie suspendiert, ihre Ehe ist gescheitert, das Verhältnis zu ihrer Tochter angespannt.
Regisseur Yann Samuell („Der Krieg der Knöpfe“) schickt seine beiden Hauptfiguren auf den berühmten Jakobsweg. Die Reise beginnt in der Kathedrale Notre-Dame in Le Puy-en-Velay, wo sich eine Bodenklappe für die Pilger öffnet – ein eindrucksvoller Start. Samuell führt die Zuschauer über die Via Podiensis in Frankreich und die Via Francés in Spanien, zwei der meistbegangenen Routen des Jakobswegs.
Kein spirituelles Klischee
Filme über den Jakobsweg laufen Gefahr, in spirituelle Klischees oder Postkartenmotive abzurutschen. „Die Camino-Therapie“ vermeidet dies weitgehend. Zwar zeigt Samuell spektakuläre Landschaften, doch sie bleiben mehr als bloße Kulisse: Sie spiegeln die inneren Zustände der Figuren. Im Mittelpunkt steht nicht religiöse Erleuchtung, sondern der oft schmerzhafte Prozess der Selbstfindung.
Mit jedem Schritt verlieren Adam und Fred nicht nur räumliche Distanz, sondern auch ihre Schutzmauer. Die körperliche Belastung zwingt sie zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Ihre Beziehung pendelt zwischen Konflikt und Annäherung. Samuell schafft es, die emotionale Reise der Figuren in eindrucksvolle, harmonisierte Bilder zu übersetzen.
Inspiriert von einer realen Initiative
Der Film basiert auf der Arbeit des Vereins Seuil, der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren durch sogenannte „Ausbruchswanderungen“ eine Alternative zum Gefängnis bietet. Der Gründer Bernard Ollivier schilderte seine Erfahrungen 2015 in dem Buch „Marche et invente ta vie“ (Geh und erfinde dein Leben neu). Samuell nutzte dieses Werk sowie zahlreiche Berichte junger Menschen als Grundlage für sein Drehbuch.
„Die Camino-Therapie“ reiht sich in Samuells bisherige Filme ein, die sich wiederkehrend mit Identitätssuche und Reifungsprozessen beschäftigen. Auch visuell bleibt der Regisseur seinem Stil treu, der die innere Reise der Figuren betont.
Starkes Schauspielerduo
Das Herzstück des Films ist die Beziehung zwischen Fred und Adam. Alexandra Lamy spielt ihre Figur mit einer Mischung aus Entschlossenheit, Verletzlichkeit und leiser Verzweiflung. Ihre Fred ist keine Heldin, sondern eine Frau, die selbst Orientierung sucht und versucht, durch die Hilfe für andere ihren eigenen Weg wiederzufinden.
Die eigentliche Entdeckung des Films ist Julien Le Berre. Der junge Schauspieler verleiht Adam eine bemerkenswerte Präsenz. Sein Charakter ist kein sympathischer Rebell, sondern zunächst ein wütender, aggressiver und verletzter Jugendlicher, der jede Form von Autorität ablehnt. Le Berre schafft es, Adams Entwicklung glaubwürdig darzustellen.
Begegnungen mit Leichtigkeit
Samuell erfindet das spirituelle Roadmovie nicht neu. Die Handlung folgt vertrauten Mustern, viele Entwicklungen sind vorhersehbar. Doch einzelne Begegnungen setzen irritierende Akzente – etwa der raue Landwirt, die junge Frau mit Beinprothese und die rappenden Klosterbrüder. Sie durchbrechen das Schema des Erwartbaren und verleihen dem Film eine gewisse Leichtigkeit.
„Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg“ ist ein sensibles Drama über zweite Chancen, Schuld und Vergebung, Verlust und Hoffnung. Es zeigt, dass kein Mensch allein durch seine Fehler definiert werden darf. Der Film startet am 3. April 2025 in den deutschen Kinos.



