Preisverleihung: Kultur als Investition in die nächste Generation
Vom Poetry-Slam bis zum Nachwuchswettbewerb: Unternehmen unterstützen mit dem Deutschen Kulturförderpreis junge Talente und fördern gesellschaftliche Teilhabe. Die Verleihung findet am 11. Juni in Hamburg statt.
Pausenhof-Poeten: Schülerinnen und Schüler auf der Bühne
Johanna, Neuntklässlerin an einem Bruchsaler Gymnasium, steht in einer rauen Industriehalle auf einer großen Bühne. Sie slammt. In ihrem rhythmisch gestalteten Text geht es um das, was einer 15-Jährigen heute unter den Nägeln brennt: die Reduzierung auf das Äußere, den medial befeuerten Schönheitswettbewerb, die Tatsache, dass man immer beobachtet, verglichen und bewertet wird. „Da müsste man doch denken – ganz klar –, als Frauen müssen wir zusammenhalten und gemeinsam all das umgestalten“, slammt sie. Wenn es nur so einfach wäre. Am besten fange man bei sich selbst an, fordert Johanna – bei „uns“ selbst.
Johanna ist eine der 60 diesjährigen „Pausenhof-Poeten“. So heißt eine Initiative, die Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen an das Schreiben eigener Texte heranführt – vom Gymnasium bis zur Förderschule. In Workshops mit dem erfahrenen Poetry-Slammer Florian Cieslik bereiten die 14- bis 15-Jährigen ihre Texte und ihren Auftritt vor. Höhepunkt ist ein Slam-Abend vor großem Publikum, bei dem auch drei Preise vergeben werden. Ob ausgezeichnet oder nicht – Applaus erhalten alle: als Lohn für den Mut, sich zu öffnen und auf die Bühne zu treten. „In diesem Alter kommen oft sehr spannende Texte raus“, sagt Cieslik, „es ist das Alter, in dem sich bei vielen entscheidet, ob sie an ihre eigenen Potenziale glauben oder nicht.“
Nominiert: Volksbank-Kraichgau-Stiftung und andere
Mit diesem Literaturprojekt bewirbt sich die Volksbank-Kraichgau-Stiftung um den diesjährigen Deutschen Kulturförderpreis, der am 11. Juni in Hamburg verliehen wird. Der seit 2006 vergebene Preis zeichnet herausragende Kulturförderprojekte von Unternehmen und Unternehmensstiftungen aus und ist der einzige seiner Art in Deutschland. Ausgelobt wird er vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, das Handelsblatt unterstützt den Preis von Beginn an.
„Kulturförderung bedeutet für uns, Talente zu entdecken, Vielfalt zu stärken und junge Menschen darin zu bestärken, ihre Stimme mutig sichtbar zu machen“, erklärt Dimitrios Meletoudis, Vorstandsvorsitzender der Volksbank-Kraichgau-Stiftung. Die Pausenhof-Poeten gehören zu den 15 nominierten Projekten für den diesjährigen Preis.
Bands on Stage: Nachwuchswettbewerb in Ostdeutschland
Auch andere Projekte setzen auf Nachwuchsförderung. Dazu gehören die „Bands on Stage“, ein Wettbewerb für Nachwuchsbands aus Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Der Energieversorger Enviam mit Sitz in Chemnitz organisiert den Contest seit fünf Jahren. „Seit Corona gibt es immer weniger Wettbewerbe“, erklärt Projektleiter Udo Stötzner. „Uns geht es darum, die lokale und regionale Musikszene zu stärken, die oft im Schatten steht.“ In den drei Bundesländern – dem Versorgungsgebiet des Unternehmens – finden jeweils eigene Wettbewerbe statt, angebunden an Volksfeste oder andere regionale Veranstaltungen. „Das verschafft uns Publikum, aber gleichzeitig möchten wir auch überall eine kulturelle Spur hinterlassen“, so Stötzner.
Bis zu 50 Bands treten in diesem Jahr auf – für viele die Chance, erstmals eine große Bühne zu erleben und ein breiteres Publikum zu erreichen. Daneben winken Preisgelder, Workshops und neue Auftrittsmöglichkeiten. „Jede Band zeigt, wie viel Talent und Leidenschaft in unserer Region steckt – und genau das wollen wir sichtbar machen“, sagt Stephan Lowis, CEO der Enviam-Gruppe.
Vielfalt der Kulturförderung
Die nominierten Projekte decken die ganze Bandbreite unternehmerischer Kulturförderung ab – getragen von Engagement und spürbarem Herzblut. So beteiligt sich die Sparkasse Chemnitz mit zahlreichen Initiativen am Kulturhauptstadtjahr 2025 in der sächsischen Stadt. Die Fritz-Henkel-Stiftung unterstützt die Vermittlungsarbeit des Düsseldorfer Kunstpalasts („Dein Kunstpalast“), während die Dorit-&-Alexander-Otto-Stiftung maßgeblich zur Modernisierung des Staatlichen Museums Schwerin beigetragen hat. Die BMW Group wiederum bewirbt sich mit ihrer langjährigen Förderung des Münchener Theaterfestivals Spielart.
Viele Unternehmen vergeben zudem eigene Kulturpreise. Unter den Nominierten sind etwa der Leica Oskar Barnack Award der Leica Camera AG und der Sparda Jazz Award der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West. Gesellschaftliche Debatten anstoßen wollen die DZ-Bank-Kunststiftung mit „Zukunft wagen – Demokratie gestalten“, das Schüler und Politiker zusammenbringt, sowie die SRH Holding mit den „Mannheimer Reden“, zu denen prominente Stimmen aus Wissenschaft und Kultur eingeladen werden.
Weitere nominierte Projekte stammen von den DRK Kliniken Berlin-Wedding, die regelmäßig Kunst in den Klinikalltag integrieren, der G.A. Röders GmbH, die Kultur in der heimischen Kleinstadt Soltau fördert, der Hamburger PArt Ventures GmbH mit „Künstler im Klassenzimmer“ und der Volksbank in Ostwestfalen, die Klangkunst in der Kunsthalle Bielefeld unterstützt.
Indiecon: Treffpunkt für unabhängige Verlage
Wie Kulturförderung zum integralen Bestandteil eines Unternehmens werden kann, zeigt seit 2015 das Hamburger Grafikdesignbüro Brueder Coop. Aus der Idee, unabhängige Verlage und Publisher in einer kleinen Konferenz zusammenzubringen, entwickelte sich nach und nach die jährliche Messe Indiecon – inzwischen ein Treffpunkt für Kleinverlage und Onlinepublisher. „Dieses Jahr hatten wir 500 Bewerbungen, von denen wir aus Platzgründen aber nur 120 bis 130 berücksichtigen können“, sagt Mitgründer Malte Spindler. „Diese Dynamik war nicht absehbar, zeigt aber den Bedarf.“ Heute kommen Publisher aus aller Welt in die alte Gleishalle im Hamburger Oberhafen – um ihre Produkte zu präsentieren, vor allem aber, um sich zu vernetzen. Der Austausch ist für viele wichtiger als der Verkauf.
Preisverleihung in Hamburg
Die drei Gewinner des Deutschen Kulturförderpreises werden bei der Verleihung am Sitz der Hapag-Lloyd AG an der Hamburger Binnenalster bekannt gegeben. Die Shortlist wurde von einer Jury bestimmt, der Rodger Masou, Geschäftsführer des Kulturkreises, Claudia Schmidt-Matthiesen von der Deutsche-Bank-Stiftung, die Kulturjournalistin Vivian Perkovic (3Sat) und Martin Knobbe, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts, angehörten.



