Stolzer Blick in den Pariser Himmel! Alexander Zverev (29) mit der Siegertrophäe. Ganze 30 Jahre musste das Land warten, bis wieder ein Deutscher bei einem Grand-Slam-Turnier triumphierte. Dann, am vergangenen Sonntag um 19.44 Uhr, war es so weit. Zverev ließ sich auf den roten Sand des Center Courts fallen, die Hände vor dem Gesicht, die Tränen flossen. Es war vollbracht! Im 41. Anlauf hatte der Hamburger ein Major-Turnier gewonnen. Mit 6:1, 4:6, 6:4, 6:7, 6:1 besiegte Zverev im Finale der French Open den Italiener Flavio Cobolli (24).
Der letzte Triumph bei einem Grand-Slam-Turnier gelang Boris Becker 1996 bei den Australian Open. Zverevs Weg in die Tennis-Geschichtsbücher begann lange vor dem ersten Aufschlag in Paris.
Der Weg zum Titel: Eine Chronologie
April bis Mai: Vorbereitung und Rückschläge
Am 24. April sagte Titelverteidiger Carlos Alcaraz (23) für die French Open ab. Eine Handverletzung bremste den Spanier monatelang aus, auch Wimbledon konnte der Weltranglistenzweite nicht spielen. Am 15. Mai meldete sich Zverev kurzfristig für sein Heimturnier in Hamburg ab. Begründung: Rückenprobleme, die er schon die gesamte Sandplatz-Saison mit sich herumschleppte. Am 20. Mai kam Zverev mit Dackel Mishka und seinem Team in Paris an, checkte im Hotel de Berri an den Champs-Élysées ein, dann ging es zum ersten Training. In Hamburg wunderten sich einige, dass er so schnell wieder auf dem Platz stand.
Oma Natalia: Der heimliche Star
Am 22. Mai hatte Zverev seinen ersten Auftritt in Paris. „Ich fühle mich gut, ich hatte zwei wunderbare Behandlungen bei Dr. Müller-Wohlfahrt“, sagte er. Nach der Behandlung bei „Mull“, der viele Jahre Teamarzt des FC Bayern und der deutschen Nationalelf war, waren die Rückenbeschwerden weg. Mit Timo Schall hatte Zverev außerdem einen neuen Physio dabei, der schon für Angelique Kerber gearbeitet hatte. Am 24. Mai gewann er die erste Runde gegen den Franzosen Benjamin Bonzi (30) mit 6:3, 6:4, 6:2. Es war heiß, um die 35 Grad, auf dem Court Philippe Chatrier, wo der Olympiasieger von 2021 all seine Matches bei den diesjährigen French Open austragen durfte. In der Box saß Oma Natalia Fateeva (78). „Mein Großvater ist leider verstorben. Da haben wir sie zu uns geholt“, sagte Zverev. Die Oma blieb bis zum Finale und hob das Stimmungslevel erheblich. Sie klatschte auch dann noch, wenn der letzte Applaus auf den Rängen verebbt war.
Dackel-Geschichte und weitere Siege
Am 25. Mai sorgte die Geschichte von Zverevs Dackel für Gesprächsstoff. Nach dem Bonzi-Match hatte der Tennisstar auf Nachfrage erzählt, dass der kleine Hund aus einem fahrenden Golfcart gesprungen war und sich beide Hüften sowie vier Knochen gebrochen hatte. Am 27. Mai stellte auch der Tscheche Tomas Machac (25) beim 6:4, 6:2, 6:2 keine Gefahr dar.
Topstars Sinner und Djokovic früh raus
Am 28. Mai brannte die Sonne unaufhörlich. Jannik Sinner (24), Nummer eins der Welt und haushoher Turnierfavorit, führte 6:3, 6:2, 5:1 gegen den Argentinier Juan Manuel Cerúndolo (24). Doch von einer auf die andere Sekunde ging nichts mehr. Mit 5:7 verlor Sinner den dritten Satz, den vierten und fünften jeweils 1:6. Sinner wollte es nicht auf die Hitze schieben: Er habe schlecht geschlafen und sich schon am Morgen schlecht gefühlt. Kurios: Noch nie hatte er ein Match gewonnen, das länger als vier Stunden dauerte. Für Zverev bedeutete das: Der Angstgegner war raus. Nun war nur noch einer im Rennen, vor dem er sich fürchten musste: Novak Djokovic (39). Am 29. Mai änderte sich das. Der Serbe strauchelte gegen Brasilien-Talent João Fonseca (19) in einem sehenswerten Match in fünf Sätzen. Und Zverev? Der schlug mit Quentin Halys (29) den nächsten Franzosen mit 6:4, 6:3, 5:7, 6:2. Nun war der Deutsche Topfavorit in Roland Garros. Wollte davon aber nichts wissen. „Ich kriege nichts mit, mein Handy ist aus.“
Verwechslung und klare Siege
Am 30. Mai war der 1,98-Meter-Mann guter Dinge und freute sich „auf das Match morgen gegen Frenkie de Jong“. Den Namen des niederländischen Fußballstars vom FC Barcelona verwechselte er – und das gleich mehrmals. Sein Gegner hieß Jesper de Jong (26)... Der Clip wurde in den sozialen Netzwerken ein kleiner Hit. Am 31. Mai überraschte es nicht, dass der Holländer (Nr. 106 der Welt) an seinem 26. Geburtstag keine Gefahr darstellte. Es war das erste Nachmittagsspiel nach zwei Night Sessions in Folge. „Drei am Stück sind nicht erlaubt“, sagte Zverev. Auch diesmal ging es erfreulich schnell: 7:6, 6:4, 6:1. Auf der Tribüne jubelte auch Hollywood-Schauspielerin Salma Hayek (59).
Halbfinale und Finale
Am 2. Juni galt der Spanier Rafael Jódar (19) als weiteres Wunderkind von der iberischen Halbinsel. Der Madrilene, Fan von Real, war aber noch nicht so weit, um eine Nummer drei wie Zverev bezwingen zu können. 7:6, 6:1, 6:3 – Halbfinale! Sein siebtes in diesem Jahr, so viele schaffte kein anderer Profi. Am 5. Juni war es gegen den Tschechen Jakub Mensik (20) trotz eines Satzverlustes nur Formsache: 7:5, 6:2, 3:6, 6:3. Dass sich Finalgegner Flavio Cobolli (24) zwei weitere Tage, also insgesamt vier, ausruhen konnte, weil sein italienischer Landsmann Matteo Arnaldi (25) wegen eines Virus nicht antrat, störte Zverev nicht weiter: „Ich fühle mich fit, könnte gleich weiterspielen.“
Mario Kart und der Finalsieg
Am 6. Juni sagte Zverev: „Es spielt für mich keine Rolle, ob ich gegen Djokovic oder einen der jungen Spieler antrete, die gerade nach oben kommen. Meine Vorbereitung bleibt immer gleich.“ So trainierte er, und später am Tag wurde Mario Kart mit Kumpel Marcelo Melo (42) gespielt. Der Brasilianer war fast immer mit dabei, sogar im Familienurlaub auf den Malediven. Am 7. Juni um 11.57 Uhr kam Zverev durch den Presseraum unter dem Court Philippe Chatrier. Für viele Spieler der kürzeste Weg vom Auto zum Training auf Court 5. Er war ruhig, locker, hatte das Team im Schlepptau. Er machte sich warm, übte fast ausschließlich Aufschläge. Cobolli radelte sich in den Katakomben auf dem Ergometer warm. Zverev ging vorbei, zwinkerte ihm zu. Kurz nach 15 Uhr begann das Finale. 15.000 auf den Rängen, darunter die US-Sänger Lenny Kravitz (62) und Pharrell Williams (53), Arsenals Trainer-Legende Arsène Wenger (76), Ex-Man-United-Spieler und Schauspieler Éric Cantona (60) sowie Hollywood-Star Rami Malek (45). Der erste Satz war ein klares Ding – 6:1. Plötzlich wurde Cobolli stärker, setzte immer wieder seine schnelle Vorhand ein – 4:6. Zverev blieb stabil – 6:4. Dann Tiebreak, vierter Satz. Zverevs Tiebreak-Bilanz in Paris war atemberaubend: 26:2. Er lag 3:1 vorne – und verlor mit 5:7. Fünfter Satz: Brach der Deutsche jetzt unter dem Druck zusammen? Nein! Zverev demonstrierte, warum er ein würdiger Sieger war, gewann mit 6:1. Nach 4:16 Stunden war sein Traum vom ersten Grand-Slam-Turnier-Titel wahr geworden.
Nach dem Sieg: Feierlichkeiten und Familie
Bei der Siegerehrung küsste Zverev den Coupe des Mousquetaires. „Jetzt, wo ich gewonnen habe, habe ich das Gefühl, dass ich es wieder schaffen kann“, sagte er. Um 22.30 Uhr traf Freundin Sophia Thomalla (36) aus Köln per Zug ein. Sie hatte mit Dackel Buba einen neuen Hund dabei, mit dem Zverev erst mal eineinhalb Stunden spielte. Am 8. Juni, weit nach Mitternacht, ging es in einen Pariser Club, wo gefeiert wurde. Mit dabei: Comedian Oliver Pocher (48) und Ex-NBA-Profi Daniel Theis (34). Um 6 Uhr ging es zurück ins Hotel. Zverev will Ende der Woche zum Turnier nach Halle/Westfalen, der Plan ist, dass er dort seine Tochter Mayla (5) sieht. Dann ist das Glück perfekt.



