Michael Ballack, der ehemalige Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hat sich in einem Interview kritisch über Bundestrainer Julian Nagelsmann geäußert. Der 49-Jährige, der 98 Länderspiele bestritt und 42 Tore erzielte, bemängelte vor allem Nagelsmanns Kommunikationsstil. „Julian Nagelsmann ist ein Top-Fachmann, der total überzeugt von sich ist. Er wirkt sehr offen und ehrlich. Aber er erklärt meines Erachtens manchmal zu viel in der Öffentlichkeit und schafft sich dadurch unnötig Angriffsfläche“, sagte Ballack im Gespräch mit der „Sport Bild“.
WM-Format und deutsche Chancen
Zur bevorstehenden Weltmeisterschaft, die am 11. Juni in den USA, Kanada und Mexiko beginnt, äußerte Ballack deutliche Kritik am neuen 48-Team-Format. „Eine Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften hat nichts mehr mit einem Premium-Produkt zu tun. Es sollen nur die Besten gegeneinander antreten. Stattdessen sind nun kleine Länder wie Curaçao dabei, die sich normal für eine WM nie qualifiziert hätten. Wir werden jetzt einige Spiele haben, die auf keinem hohen Niveau stattfinden. Die Leistungsdiskrepanz zwischen einzelnen Ländern wird sehr groß sein. Aber so ist die Entwicklung des Fußballs, am Ende geht es ums Geld“, erklärte Ballack.
Trotz der Kritik am Format sieht Ballack durchaus Chancen für die deutsche Mannschaft. „Ja, natürlich kann Deutschland Weltmeister werden. Aber wir haben einige Herausforderungen. Kai Havertz ist Gott sei Dank nach seiner langen Verletzung wieder in Form und löst das Problem auf der Mittelstürmerposition, da Nick Woltemade bei seinem Verein Newcastle United zuletzt auch nicht mehr gesetzt war. Jamal Musiala ist ein Weltklassespieler, aber noch lange nicht in Topform aufgrund seiner Verletzung. Wir haben auf den Außenverteidigerpositionen Luft nach oben, darum ist es wichtig, dass Joshua Kimmich rechts hinten spielt“, so Ballack.
Vergleich mit 2002 und individuelle Ausbildung
Ballack zog einen Vergleich zur WM 2002, als Deutschland trotz schlechter Ausgangslage das Finale erreichte. „2002 hatten wir auch nicht die beste Mannschaft, die Stimmung war nach dem EM-Vorrunden-Aus zwei Jahre zuvor am Tiefpunkt, in Deutschland hat keiner einen Cent auf uns gesetzt. Und dennoch erreichten wir das Finale, weil Rudi Völler das Optimum aus dem Kader herausholte“, erinnerte sich der Ex-Nationalspieler.
Kritisch äußerte sich Ballack zur Entwicklung des Fußballs und der mangelnden individuellen Ausbildung. „Wir sollten wieder vermehrt den Fokus auf einzelne Spielerprofile legen. Der Fußball hat sich nämlich systematisiert, damit meine ich vor allem die Spielweise. Den Spielern wird schon im Juniorenbereich sehr viel Taktisches vorgegeben, wie beim Pressing, damit eine Mannschaft im Ganzen funktioniert. Mit der Konsequenz: Die individuelle Ausbildung – dass Spieler auch gewisse Freiheiten haben – bleibt auf der Strecke. Das war zu meiner Zeit noch anders“, erklärte Ballack.
Rolle von Florian Wirtz und Lennart Karl
Florian Wirtz bezeichnete Ballack als einen der großen Hoffnungsträger. „Ja, denn so einen Spieler hatten wir lange nicht mehr. Er hat ein richtig gutes Spielverständnis, ist physisch stark, hat sich beim FC Liverpool nach anfänglichen Problemen durchgesetzt. Und das in einer absoluten Weltklassemannschaft, weil Florian Wirtz einfach richtig gut ist. Zudem hat er in der Nationalmannschaft jetzt die Akzeptanz, die er bei der Heim-EM 2024 noch nicht so hatte“, lobte Ballack.
Über den jungen Bayern-Spieler Lennart Karl, den Ballack als Berater betreut, sagte er: „Nein, ich bin ja von ihm überzeugt. Dennoch, und so ehrlich muss man sein: Wie schnell für Lennart alles gelaufen ist bei Bayern und in der Nationalmannschaft, das war vor einem Jahr nicht zu erwarten. Denn Lennart wurde im Februar erst 18 Jahre alt. Ich traue ihm eine gute Rolle zu. Er ist ein Offensivspieler, der aufgrund seiner Spielweise einen wichtigen Impact mitbringt. Und er spielte ein Jahr beim FC Bayern auf einem ganz hohen Niveau, machte bereits 39 Pflichtspiele, erzielte neun Treffer, gab acht Torvorlagen. Und eines darf man nicht vergessen: Er hat einen Michael Olise vor sich, den wahrscheinlich im Moment besten Spieler im Weltfußball auf der Position.“
Kritik an Nagelsmanns Kommunikation
Besonders deutlich wurde Ballack in seiner Kritik an der Art und Weise, wie Nagelsmann die Causa Manuel Neuer und Oliver Baumann handhabte. „Für einen Nationaltrainer ist es die Pflicht, immer die besten Spieler zu einer WM mitzunehmen. Und Manuel Neuer ist Weltmeister und der beste Torhüter, den wir jemals hatten. Darum ist seine Nominierung als Nummer 1 richtig. Aber auch in diesem Fall kommt es wieder auf die Art und Weise der Kommunikation an. Die war im Fall Manuel Neuer nicht unbedingt optimal. Jedoch trägt Manuel ebenfalls eine gewisse Mitschuld. Er hätte sich frühzeitiger positionieren können, was seine Comeback-Ambitionen betrifft. Dann hätte das Thema früher geklärt werden können“, so Ballack.
Zur Frage, ob ein frühes WM-Aus für Nagelsmann Konsequenzen haben würde, sagte Ballack: „Die Kritik wäre dann groß. Aber was ich mich frage: Warum verlängert der DFB überhaupt so früh mit ihm? Ich bin der Meinung, dass ein Nationaltrainer immer einen Zweijahresvertrag bekommen sollte und daran gemessen wird, wie erfolgreich er bei einem Turnier ist. Das ist die Prüfung – und nicht eine erfolgreiche Qualifikation für eine WM oder EM.“
Favoriten und Ausblick
Als Top-Favorit für den WM-Titel sieht Ballack Frankreich. „Ich sehe Frankreich als heißesten Anwärter. Der Kader hat eine unglaublich hohe Qualität.“ England unter Thomas Tuchel traut er den Titel nicht unbedingt zu. „England hat super Spieler. Dennoch haben sie mich nicht überzeugt in den Partien unter Thomas Tuchel. Hinzu kommt ein großer Nachteil: die lange Saison in England, die daraus resultierende Müdigkeit bei den Spielern. Was nicht zu unterschätzen ist: Der Anspruch und Druck einer ganzen Nation ist immens. Das habe ich während meiner Zeit in England wahrgenommen, dass viele Spieler damit nicht gut umgehen konnten und bei Chelsea befreiter spielten als in der Nationalmannschaft.“
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.



