Historischer Triumph für Alexander Zverev
Alexander Zverev (29) hat als erster Diabetiker einen Grand-Slam-Titel gewonnen. Bei den French Open in Paris besiegte er seinen Gegner und schrieb Tennisgeschichte. Billie Jean King (82) wies als Erste auf diese besondere Leistung hin. Der Hamburger hatte seine Krankheit lange verheimlicht, die bei ihm im Alter von vier Jahren diagnostiziert wurde. Auch heute spricht er nur selten darüber. „Ich will das nicht als Ausrede gebrauchen, wenn es mal nicht so läuft“, sagte er nach dem Finale.
Botschaft an Betroffene
Zverev nutzt seinen Erfolg, um anderen Mut zu machen. „So ein Erfolg ist wichtig für viele Kinder und deren Eltern, damit sie sehen: Man kann sich auch mit dieser Krankheit Träume erfüllen und alles erreichen. Das ist das Wichtigste“, erklärte er mit dem Siegerpokal, dem Coupe des Mousquetaires, neben sich. Früher hatten Ärzte ihm gesagt, dass Leistungssport mit Diabetes nicht möglich sei. „Ich wollte immer das Gegenteil beweisen“, erinnert er sich. Das hat er längst getan: Olympia-Gold, zwei WM-Titel, sieben Masters-Titel, insgesamt 25 Turniersiege und Platz 2 der Weltrangliste stehen zu Buche. Aktuell ist er Dritter.
Expertise von Diabetologin Ulrike Thurm
Ulrike Thurm (62), Zverevs Diabetologin vom Hasso-Plattner-Institut, leitet das Forschungsprojekt Challenge-D. Es betreut Leistungssportler mit Diabetes Typ 1, die Insulin spritzen müssen. „Deren Stoffwechsel ist besonderen Herausforderungen ausgesetzt. Viele Vereine sind erstmal überfordert, wenn ein Sportler mit Typ 1 vor der Tür steht“, sagt sie. Thurm selbst hat Typ-1-Diabetes, spielte früher Fußball und läuft Marathons. Sie bestätigt: „Es gibt viele sehr erfolgreiche Sportler mit Typ 1 in Extremsportarten. Die sind auf den Mount Everest geklettert, haben den Ärmelkanal durchschwommen oder den Ironman absolviert. Alles ist machbar, wenn die Diabetes-Einstellung stimmt.“
Technologische Hilfsmittel
Entscheidend für den Erfolg von Profisportlern sind Sensoren, die meist am hinteren Oberarm getragen werden. Sie sind mit dem Handy oder einem Lesegerät verbunden und zeigen in Echtzeit den Blutzuckerwert an. „Die waren ein echter Gamechanger“, sagt Thurm. „Es macht einen Unterschied, ob man 150 Milligramm Blutzucker steigend oder fallend hat. Bei steigend kann ein Tennisspieler ins Match gehen, bei fallend sollte er erst mal Glukose trinken. Entscheidend ist, dass man sich intensiv mit seiner Therapie auseinandersetzt.“
Individuelle Betreuung
Als Zverev die Nummer 187 der Welt war, begann die Zusammenarbeit mit Thurm. Hockey-Weltmeister Timur Oruz (31), ebenfalls bei Thurm in Behandlung, brachte es auf den Punkt: „Ich habe einen Techniktrainer, je einen für Taktik, Kondition und Mentales, und somit quasi auch für Diabetes den Besten.“ Ein Zielkorridor von 140 bis 200 Milligramm Blutzucker sei optimal. „In diesem Bereich ist die Leistungsfähigkeit am besten. Zverev kann bei jedem Seitenwechsel kontrollieren, ob die Werte im Bereich sind, fallen oder steigen. Er isst und trinkt entsprechend. Sinken die Werte, sind Kohlenhydrate nötig, steigen sie, muss er Insulin spritzen.“
Routinen und Anpassung
Im Laufe der Jahre spielen sich Routinen ein. „So, wie bei Zverev jeder in der Box immer auf demselben Platz sitzen muss, haben Sportler auch immer den gleichen Ablauf vor einem Wettkampf. Die meisten Leistungssportler kennen ihren Körper perfekt und wissen, wie die Anpassung zu modifizieren ist“, erklärt Thurm. Oruz aß beispielsweise immer drei Stunden vor einem Spiel Nudeln ohne Soße, aber mit Salz. Im Finale der French Open erhielt Zverev von Kumpel Marcelo Melo (42) Tabletten.
Umgang mit Krämpfen
Was geschah im Finale, als Zverev von Krämpfen sprach und sich spritzte? „Die Krämpfe hätten auch hohe Werte gewesen sein können. Das sieht er aber, wenn er nachschaut. Du musst als Profisportler selbst dein bester Diabetologe sein. Wir von außen können nur das Rüstzeug geben. Er hat jetzt 25 Jahre Diabetes und kennt seinen Körper, kann die Spielsituationen einschätzen und weiß, wie er die Menge an Insulin und Kohlenhydraten anpassen muss. Man sieht, dass er unterschiedliche Gels und Getränke zu sich nimmt. Bei hohen Werten wird schnell wirkendes Insulin gespritzt, bei niedrigen nimmt man Glukose-Gel. Da geben die Sensorwerte die Richtung vor.“
Stolz und Vorbildfunktion
Über Zverevs Triumph hat sich Thurm riesig gefreut. „Ein kleines bisschen war ich auch mit Stolz! Er ist jetzt ein großer Botschafter. Er zeigt, dass alles möglich ist mit Typ 1.“



