Die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko wird durch extreme Wetterbedingungen zu einem Turnier der Superlative. Während die deutsche Nationalmannschaft in Chicago noch eine frische Brise vom Lake Michigan genoss, wartet im neuen Quartier in Winston-Salem, North Carolina, der heiße US-Sommer auf Julian Nagelsmann und sein Team. Die Temperaturen klettern dort regelmäßig über 30 Grad Celsius, wie ein Training der norwegischen Mannschaft in Greensboro zeigte, das wegen der Hitze unterbrochen werden musste. Erling Haaland erholte sich barfuß und oberkörperfrei von der Strapaze.
Herausforderungen für Spieler und Teams
„Das Wichtigste ist, unter diesen Bedingungen zu trainieren. Und dann geht es einfach darum, sich jeden Tag an die Hitze zu gewöhnen“, erklärte Norwegens Mittelfeldspieler Sander Berge. Englands Stürmer Ollie Watkins berichtete nach einer Trainingseinheit in Florida: „Es ist heiß, zu heiß.“ Die Bandbreite der klimatischen Bedingungen bei der Drei-Länder-WM ist enorm: Sie reicht von tropisch-feuchter Hitze in den US-Südstaaten bis hin zu Höhenlagen in Mexiko.
Sportmediziner Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule in Köln warnt: „Wir müssen uns auf ein Turnier der Wetter-Extreme einstellen. Besonders kritisch wird die Kombination aus hoher Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit, Reiseaktivitäten und verdichtetem Spielplan sein.“ Als besonders herausfordernde Standorte gelten Miami, Houston, Dallas und Monterrey. „Dort treffen hohe Temperaturen auf teils extreme Luftfeuchtigkeit. In Florida kommen zusätzlich typische Sommergewitter mit Starkregen und Blitzgefahr hinzu. Auch Atlanta und Kansas City können im Juni und Juli sehr schwül und gewitteranfällig sein“, so Predel.
Mexiko-Stadt stellt eine andere Herausforderung dar: „Dort ist weniger die Hitze das Hauptproblem als vielmehr die Höhenlage von über 2.000 Metern. Der reduzierte Sauerstoffpartialdruck kann die Ausdauerleistung und Regeneration deutlich beeinträchtigen.“
Risiken für die Gesundheit der Spieler
Die potenziellen Risiken sind hoch. Dazu zählen laut Predel vor allem Dehydratation, Elektrolytverluste, Muskelkrämpfe, Kreislaufprobleme und direkte Sonneneinstrahlung. „Im Extremfall kann es zu einem belastungsinduzierten Hitzschlag kommen, der akut lebensbedrohlich ist.“ Nur vier Stadien – Dallas, Los Angeles, Houston und Atlanta – verfügen über verschließbare Dächer und können so den Innenraum herunterkühlen.
Club-WM als Vorbote
Die Club-WM im Vorjahr war eine Warnung und ein erster Eindruck, wie das Wetter das XXL-Turnier in Nordamerika beeinflussen könnte. Sechs Spiele wurden unterbrochen, die Unterbrechungen dauerten zwischen 40 Minuten und zwei Stunden. „Wir spielen zwar Fußball, aber mit dem Sport an sich hat das nichts zu tun“, sagte Dortmunds Trainer Niko Kovac damals. Neben großer Hitze sorgte beim Spiel zwischen Benfica und Chelsea auch Unwettergefahr für eine Unterbrechung: Wegen drohender Blitze wurden Spieler in die Kabine geschickt, Fans mussten das Stadion verlassen. In den USA gilt: Werden Blitze im Umkreis von 13 Kilometern um das Stadion registriert, wird das Spiel sofort unterbrochen – mindestens für 30 Minuten.
Maßnahmen der FIFA
Als Reaktion auf die Backofen-Hitze während der Club-WM führt die FIFA nun eine dreiminütige Trinkpause pro Halbzeit ein. Außerdem werden bei allen Spielen, die im Freien stattfinden, klimatisierte Sitzbänke für den Betreuerstab und die Auswechselspieler bereitgestellt. Einer Gruppe weltweit führender Wissenschaftler geht das nicht weit genug. Sie forderten in einem offenen Brief, Spiele bei Temperaturen über 28 Grad zu verschieben und längere Kühlpausen von mindestens sechs Minuten einzuführen. Die 20 Forscher aus den Bereichen Gesundheit, Klima und Sportleistung warnten davor, dass die Temperaturen in 14 der insgesamt 16 genutzten Stadien gefährliche Werte überschreiten könnten. Entscheidend ist nicht die reine Lufttemperatur, sondern die sogenannte Wet-Bulb-Globe-Temperatur (WBGT), die Sonneneinstrahlung, Wind und Luftfeuchtigkeit kombiniert.
Vorbereitung der Teams
Englands Trainerteam bereitete die Mannschaft über ein Jahr lang mit Sportwissenschaftlern auf die Bedingungen vor. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge mussten die Spieler digitale Kapseln schlucken, um ihre Körperdaten unter Belastung zu erfassen und Hitzetoleranz sowie Regeneration zu analysieren. „Die Bedingungen sind nicht unser größter Gegner, aber sie sind nach einer langen und sehr anspruchsvollen Saison für unsere Spieler auch kein Vorteil. Wir sind diese Art von Hitze und Luftfeuchtigkeit nicht gewohnt“, sagte Trainer Thomas Tuchel.
Schutz für Fans
Nicht nur für die Spieler können die Bedingungen zum Risiko werden – auch für die Fans gilt höchste Vorsicht. Umso größer ist der Ärger, dass aus Sicherheitsgründen nicht einmal leere Wasserflaschen mit in die Stadien genommen werden dürfen. Die Ausrichter sind daher gefragt. Das Gesundheitsamt des Los Angeles County plant, rund um die Spiele umfassend über Hitzeschutz und ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu informieren. New York will Informationen an die Abonnenten des öffentlichen Warnsystems sowie über WhatsApp an internationale Besucher versenden. Seattle prüft den Einsatz von klimatisierten Bussen und Wassernebelanlagen bei Fanfesten und Spielen.



