Geheimfavoriten bei der Fußball-WM: Diese sieben Teams könnten weiter kommen, als man denkt
Wird es eine WM der Überraschungen? Einige heiße Kandidaten gibt es. Traurig, aber wahr: Selbst Deutschland taucht in dieser Liste auf.
Die Kategorie „Geheimfavorit“ ist belastet. In der WM-Historie hat sie sich selten bewährt. Wie viele Jahre musste man warten, bis das ewige „geheime“ Spanien endlich Weltmeister wurde? Oder 1994: Sogar Pelé war sicher, Kolumbien würde den Titel holen – die Südamerikaner flogen in der Vorrunde raus. Nur zwei Beispiele von vielen.
Bei dieser WM heißen die nicht ganz so geheimen Favoriten Spanien und Frankreich. Da sind sich Buchmacher und Fußballexperten einig. Aber wer hat das Zeug dazu, die Fußballwelt zu überraschen? Der Tagesspiegel hat sieben Mannschaften ausgemacht, die vielleicht nicht unbedingt am Ende den Pokal hochstemmen werden, die aber lange im Turnier bleiben könnten.
1. Schweiz
Von einem Geheimfavoriten will auch Granit Xhaka nichts wissen. Der Kapitän der Schweizer fragt frech: „Warum sollten wir nicht Weltmeister werden?“ Die naheliegenden Antworten: Weil ihr noch nie etwas gewonnen habt! Und weil ihr – mit allem Respekt – die Schweiz seid: ein wunderschönes Alpenland, aber eben auch ein kleines mit neun Millionen Einwohnern.
Umso erstaunlicher ist, wie viele herausragende Fußballer das Land seit Jahren hervorbringt. Auffällig: Viele wie Xhaka, Johan Manzambi, Dan Ndoye, Ricardo Rodríguez, Manuel Akanji oder Denis Zakaria haben Migrationshintergrund. Eine echte Multi-Kulti-Truppe aus einem multikulturellen Land, in dem politische Kräfte immer wieder versuchen, die Einwanderung stark zu begrenzen.
In der Qualifikation überzeugte die Mannschaft von Trainer Murat Yakin, sie blieb ungeschlagen. Die Schweizer sind taktisch sehr flexibel, meist spielen sie in einem 4-3-3. Stoßstürmer ist der körperlich starke Breel Embolo (früher Mönchengladbach und Schalke), an seiner Seite sind Dan Ndoye (Nottingham Forest) und der frühere Augsburger Rubén Vargas. In der Abwehr kann Yakin auf die erfahrenen Akanji und Zakaria zurückgreifen. Hinzu kommt der talentierte Stuttgarter Luca Jaquez.
Orchestriert wird die Mannschaft von Granit Xhaka, dem früheren Leverkusener, der inzwischen bei Sunderland in England spielt. Xhaka kann neuerdings sein Temperament zügeln, ohne seinen extremen Ehrgeiz herunterzudimmen. In der Gruppe mit Kanada und Bosnien-Herzegowina sind die Schweizer der klare Favorit. Interessant könnte das Achtelfinale werden, sollten sich die Niederländer durchsetzen: Schweiz – Holland, das wäre ein Gegner, mit dem die kleine Schweiz inzwischen fast schon auf Augenhöhe ist.
2. Marokko
Viele haben es vielleicht schon vergessen: Marokko stand bei der letzten WM im Halbfinale. Diesmal stehen die Vorzeichen nicht ganz so gut: Das Finale um den Afrika-Cup gegen Senegal endete im Eklat. Marokko gewann das verlorene Spiel am Grünen Tisch, verlor aber viele Sympathien.
Erfolgstrainer Walid Regragui musste gehen, Mohamed Ouahbi folgte ihm. Ouahbi gewann im vergangenen Jahr die U-20-Weltmeisterschaft und setzt auf viele junge Talente, darunter Ayyoub Bouaddi und den Stuttgarter Bilal El Khannouss. Beide haben enorm viel Potenzial.
Hinzu kommen erfahrene Spieler wie der frühere Bayern-Spieler Noussair Mazraoui, der frühere Dortmunder Achraf Hakimi oder Brahim Díaz, der schnelle und trickreiche Außenstürmer von Real Madrid. Viele marokkanische Spieler werden ihr WM-Debüt geben. Das kann ein Nachteil sein – muss es aber nicht.
In der Qualifikation gewannen die Marokkaner alle acht Spiele. Bei der WM geht es in der Gruppe gegen Brasilien, Haiti und Schottland. Im Sechzehntelfinale könnte Holland warten – vielleicht die Endstation. Aber so genau kann das bei dieser hochtalentierten Mannschaft niemand sagen.
3. Türkei
Die Fußball-WM könnte atmosphärisch mau werden – umso größer ist die Erwartung an das türkische Team, das auch unter den vielen Fans in Deutschland für echte Stimmung sorgen dürfte: mit viel Lärm, langen Autokorsos und allem Pipapo.
Kaum zu glauben: Zuletzt war die Türkei vor 24 Jahren, bei der WM in Japan und Südkorea, dabei. Damals dachte man, die Türkei würde sich schnell im Weltfußball etablieren und ein regelmäßiger WM-Gast werden. Es kam anders – obwohl die fußballerischen Talente nie versiegten.
Der Misserfolg gründet vor allem auf Missmanagement, fehlgeleiteten Strukturen und Korruption – Letzteres ist nach wie vor ein Thema. Der türkische Fußball wird von massiven Korruptions- und Wettskandalen erschüttert. Der nationale Verband (TFF) suspendierte jüngst nach internen Ermittlungen rund 150 Schiedsrichter und über 1000 Spieler.
Diesmal aber war das Talent so groß, dass nicht einmal der Sündenpfuhl türkischer Fußball eine WM-Teilnahme verhindern konnte. Mit Arda Güler (Real Madrid) und Kenan Yildiz (Juventus Turin) stehen zwei der aufregendsten Spieler Europas im Kader. Hinzu kommt die Erfahrung von Hakan Çalhanoğlu, der das Spiel ordnen soll.
Die Mannschaft besitzt eine stabile Struktur und spielt meist in einer 4-2-3-1-Formation. Trainiert wird sie vom früheren italienischen Nationalspieler Vincenzo Montella. Er sagt: „Ich denke wie ein Türke, ich esse wie ein Türke, ich handle wie ein Türke und deshalb fühle ich mich wie ein Türke.“ Das kam gut an. Jetzt muss er mit seiner Mannschaft nur noch liefern.
Die Türkei-Gruppe mit den USA, Paraguay und Australien ist nicht einfach. Sollte sich die Türkei als Gruppenerster durchsetzen, könnte es im Achtelfinale gegen Belgien gehen – nach Lage der Dinge ein machbarer Gegner.
4. Japan
Dass Japan an der Schwelle zur Weltspitze steht, hört man seit 20 Jahren. Es spiegelt sich auch darin, dass japanische Spieler konstant in den stärksten Ligen der Welt spielen. Allein in der Bundesliga standen in der vergangenen Saison 15 Japaner unter Vertrag, darunter Ritsu Doan (Eintracht Frankfurt) oder Yuito Suzuki (SC Freiburg).
Und dennoch ist bei dieser WM etwas anders: So stark waren die Japaner gefühlt noch nie. Die Mannschaft qualifizierte sich als erstes Team überhaupt für die WM. Der Star des Teams ist Trainer Hajime Moriyasu. Er hat viele Spieler des Kaders in seiner Zeit als U-23-Coach selbst gefördert. Das Team vertraut ihm und seiner Spielphilosophie.
Moriyasu legt großen Wert auf taktische Variabilität und schnellen Ballvortrag – das überfordert viele Gegner. Einzig der verletzungsbedingte Ausfall zweier wichtiger Spieler trübt die Hoffnungen Japans, die mit den Niederlanden, Schweden und Tunesien zudem eine schwere Gruppe erwischt haben. Starspieler Kaoru Mitoma (Brighton & Hove Albion) wird die WM verpassen, der frühere Stuttgarter und Kapitän Wataru Endo könnte gerade noch rechtzeitig fit werden. Dennoch: Von allen hier genannten Geheimfavoriten könnten die Japaner die gewichtigste Rolle spielen.
5. Senegal
Der größte Moment Senegals im Weltfußball? Ganz klar: der Sieg im WM-Auftaktspiel 2002 gegen Titelverteidiger Frankreich. In diesem Jahr kommt es erneut zum Duell bei der WM. Frankreich ist wieder haushoher Favorit – doch im Gegensatz zu 2002 ist Senegal ein deutlich stärkeres Team.
Die Mannschaft von Trainer Pape Thiaw ging ungeschlagen durch die Qualifikation. Sie zeichnet sich durch eine gute Mischung aus Erfahrung und Talent aus – der Fokus liegt auf Letzterem. Lamine Camara und Iliman Ndiaye sind Versprechen für die Zukunft, aber schon jetzt stark.
Die Angriffsreihe mit Ndiaye sowie den ehemaligen Bayern-Spielern Sadio Mané und Nicolas Jackson hat viel Potenzial. Thiaw lässt meist im 4-3-3 spielen. In der Fifa-Rangliste steht Senegal auf Platz 14 – nur vier Plätze hinter Deutschland. Das hat seinen Grund: Die Mannschaft liefert seit Jahren auf internationaler Ebene ab.
In der Gruppe spielen die Senegalesen neben Frankreich gegen den Irak und Norwegen – dem nächsten Team der Liste.
6. Norwegen
Schon das Mannschaftsfoto lässt erahnen, dass das eine besondere Truppe ist: Die norwegischen Nationalspieler ließen sich jüngst in Wikingertracht ablichten. Das Team will bei dieser WM Spaß machen – und erfolgreich sein. Die Voraussetzungen sind da.
Stürmer Erling Haaland trifft und trifft und trifft – 16-mal in der Qualifikation. Er ist in Topform. Das gilt auch für die beiden anderen Angreifer Alexander Sørloth (Atlético Madrid) und Jørgen Strand Larsen (Crystal Palace). Eingesetzt werden sollen sie von Champions-League-Finalist Martin Ødegaard, einem der prägenden Mittelfeldspieler der Premier League in den vergangenen Jahren. So viel Qualität hatten die Norweger noch nie.
Trainiert wird die Mannschaft von Ståle Solbakken, den Bundesliga-Affine aus seiner Zeit beim 1. FC Köln kennen. Solbakken lässt in einem 4-2-3-1 oder 4-3-3 spielen. Seit der EM 2000 hat sich Norwegen nicht mehr für eine Europa- oder Weltmeisterschaft qualifiziert. Vielleicht hat es den langen Anlauf gebraucht, um nun mit geballter Wucht im Angriff zurückzuschlagen.
7. Deutschland
Die Fußball-Nation Deutschland ein Geheimfavorit? Vier Titel, dazu vier weitere Finalteilnahmen! Mag sein, aber die großen Erfolge sind schon eine Weile her und die großen Krisen eben ganz frisch. 2018 in Russland scheiterte Deutschland als Letzter in einer Gruppe mit Schweden, Mexiko und Japan. 2022 wurden die Deutschen Gruppendritte und schieden aus.
Aktuell befindet sich das Team von Julian Nagelsmann auf Rang zehn der Weltrangliste und dort gehört es auch hin. Nationalspieler Leon Goretzka sagte jüngst im „Kicker“, dass man nicht das Gefühl habe, „dass wir im Kreise der Top-Favoriten dazugehören. So ehrlich müssen wir sein.“ So steht es also um den deutschen Fußball. Und trotzdem: Bei der WM könnte etwas gehen. Voraussetzung: Die Kreativen Florian Wirtz und Jamal Musiala kommen ins Rollen, das war zuletzt nicht der Fall. Die deutsche Mannschaft ist eine Wundertüte. Was kommt raus? Nach Jahren der Enttäuschung endlich mal ein paar schöne Erfolgserlebnisse? Der Titel scheint weit weg. Aber wenn in einem möglichen Achtelfinale gegen Frankreich die Überraschung passiert, ist alles möglich.



