THW Kiel vor dem Aus in Europa: Krise beim Handball-Rekordmeister
THW Kiel vor Europa-Aus: Krise beim Rekordmeister

Der Handball-Rekordmeister THW Kiel steckt in einer tiefen Krise. Erstmals seit über 30 Jahren droht dem Club aus Schleswig-Holstein die Verpassung eines internationalen Wettbewerbs. Nach der 30:34-Niederlage beim Abstiegskandidaten GWD Minden am Mittwochabend sind die Zebras in höchster Not.

Charaktertest nicht bestanden

Kreisläufer Hendrik Pekeler fand nach der Pleite deutliche Worte: „Charaktertest nicht bestanden.“ Die Mannschaft habe in einer entscheidenden Phase der Saison versagt. Geschäftsführer Viktor Szilagyi wollte sich hingegen nicht eindeutig zur Zukunft von Trainer Filip Jicha äußern. „So etwas ist nie 100 Prozent sicher. Es ist sicherlich zu früh, irgendwelche Prozentzahlen abzugeben. Man muss ein gemeinschaftliches Gefühl entwickeln und die gleichen Ziele verfolgen. Das sind die Themen, die wir jetzt besprechen müssen“, sagte der Österreicher den „Kieler Nachrichten“.

Platz fünf reicht wohl nicht für Europa

Aktuell belegen die Norddeutschen in der Bundesliga den fünften Tabellenplatz. Doch dieser Rang wird aller Voraussicht nach nicht für die Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb ausreichen. Die Chance, sich über einen Sieg in der European League für die Champions League zu qualifizieren, vergab der THW durch die Finalniederlage in Hamburg gegen die MT Melsungen.

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Da der Tabellen-14. Bergischer HC als Verlierer des deutschen Pokalfinales gegen die Füchse Berlin einen Startplatz in der European League sicher hat, ist der THW auf das Wohlwollen der Europäischen Handballföderation (EHF) angewiesen. Diese vergibt sogenannte Upgrades, die von den nationalen Ligen und Verbänden beantragt werden. Angesichts von drei deutschen Startern in der Champions League (aktuell der SC Magdeburg, die Füchse Berlin und Melsungen) sowie drei Clubs in der European League (SG Flensburg-Handewitt, VfL Gummersbach, Bergischer HC) wäre ein siebter Teilnehmer aus Deutschland im Europapokal eher unwahrscheinlich, aber nicht gänzlich unvorstellbar.

33 Jahre ununterbrochene Europapokal-Teilnahme

Das letzte Mal, dass die Kieler nicht in Europa spielten, war vor 33 Jahren, nachdem sie die Saison 1992/93 nur auf dem siebten Platz abgeschlossen hatten. Deutscher Meister wurde damals unter dem späteren Bundestrainer Heiner Brand die einstige SG Wallau/Massenheim, die aktuell als HSG Breckenheim/Wallau/Massenheim die Saison in der viertklassigen Regionalliga Hessen auf dem vierten Platz abgeschlossen hat.

Der THW dagegen gewann bei seinen Europapokal-Auftritten zwischen 1995 und 2026 je viermal die Champions League (2007, 2010, 2012 und 2020) und die heutige European League (1998, 2002, 2004 und 2019).

Verletzungspech und sportlicher Niedergang

Sucht man nach den Gründen für den Kieler Niedergang, kommen zwangsläufig die vielen Verletzungen ins Spiel. Rückraum-Linkshänder Emil Madsen und Spielmacher Elias Ellefsen á Skipagøtu fallen schon länger verletzt aus. Am Mittwoch fehlte zudem Harald Reinkind. Während des Spiels zogen sich der erst 18 Jahre alte Youngster Rasmus Ankermann nach einem üblen Foul sowie Magnus Landin und Rune Dahmke Blessuren zu.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Unter Filip Jicha hat sich das Kieler Spiel im Vergleich zu den nationalen Spitzenteams aus Magdeburg und Berlin kaum weiterentwickelt. Die Furcht vor den schier übermächtigen „Zebras“ ist Vergangenheit. Von den bislang acht Niederlagen in dieser Saison kassierte der THW drei gegen Minden, die HSG Wetzlar und den TVB Stuttgart - allesamt Teams aus den unteren Tabellenregionen.

Dafür sorgten die Norddeutschen aber auch für die bisher einzige Saisonniederlage von Meister Magdeburg. Bei einer Niederlage im letzten Heimspiel am Sonntag (15.00 Uhr/Dyn) gegen den TBV Lemgo Lippe droht sogar noch Platz sechs. So schlecht waren die Kieler zuletzt vor 23 Jahren.

Auswirkungen auf die Nationalmannschaft

Sollte der THW in der kommenden Saison tatsächlich nicht international dabei sein, hätte das auch Auswirkungen auf die deutsche Nationalmannschaft. Leistungsträger im Team von Bundestrainer Alfred Gislason wie Torhüter Andreas Wolff und Rückraumspieler Julian Köster, der zur neuen Serie vom VfL Gummersbach zum THW wechselt, hätten dann im Ligabetrieb nur Spiele gegen die nationale Konkurrenz. Und das vor der Heim-WM im Januar.

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Die Club-Ikone fand klare Worte, der Geschäftsführer vermied ein klares Bekenntnis zum Trainer: Handball-Rekordmeister THW Kiel steht vor dem fatalen Finale einer verkorksten Saison und einem vorläufigen Abschied vom europäischen Geschäft nach mehr als 30 Jahren ununterbrochener Teilnahme.