WM-Rekordjournalist Hartmut Scherzer: Mit 88 Jahren zur 17. Weltmeisterschaft
Eigentlich sollte mit der EM 2024 Schluss sein, doch Hartmut Scherzer ist wieder dabei. Der Journalist berichtet zum 17. Mal über eine Fußball-Weltmeisterschaft – und das mit 88 Jahren. Im Interview spricht er über seine Motivation, die Herausforderungen der Digitalisierung und seine besonderen Erinnerungen an vergangene Turniere.
„Viel nervöser als bei der ersten WM“
Herr Scherzer, Sie haben seit 1962 als Journalist von jeder Fußball-Weltmeisterschaft berichtet. Ist man vor der 17. WM noch genauso nervös wie vor der ersten? „Viel nervöser“, antwortet er. Warum? „Weil ich mit dem ganzen digitalen Stress fertig werden muss. Ich werde diesen Monat 88. Offiziell ist es zwar einfacher, wenn du alles digital machst. Aber ich tu mich eben schwer damit. Doch ich kämpfe mich durch.“
Bürokratie und digitale Hürden
Was ist bei den Reisevorbereitungen anders als früher? „Alles ist bürokratischer geworden, allein das Visum für die USA. Früher hat der Reisepass gereicht. Vom Reisebüro hast du dein Ticket in der Hand gehabt, am Flughafen eingecheckt und bist weggeflogen. Jetzt musst du all diese digitalbürokratischen Prozesse durchlaufen und dich mit Automaten auseinandersetzen. Das nervt schon. Aber so ist die Zeit, und wenn ich das auf mich nehme, muss ich mich der Zeit anpassen.“
Reiseplanung: Von Mexiko-Stadt nach New York
Wie sehen Ihre konkreten Planungen für das Turnier aus? „Meine Teilnahme steht ein bisschen unter dem Motto ‚Früher und heute‘. Ich fliege zunächst nach Mexiko-Stadt, wo ich schon 1970 das Jahrhundertspiel zwischen Deutschland und Italien gesehen habe. Anschließend geht es weiter nach Houston zum ersten Gruppenspiel der Deutschen gegen Curaçao. Von dort fahre ich mit dem Bus dreieinhalb Stunden nach Dallas, weil da zwei interessante Spiele stattfinden, England gegen Kroatien und vier Tage später Argentinien gegen Österreich.“
In Dallas ist Diego Maradona 1994, nach dem Spiel gegen Nigeria, als Dopingsünder aufgeflogen. Fünf verbotene Substanzen wurden in seinem Körper festgestellt und Maradona anschließend von der WM ausgeschlossen. „Das sind alles Erinnerungen, die jetzt bei mir wieder hochkommen.“
Bis zum Finale?
Bleiben Sie bis zum Finale? „Das habe ich mir zumindest fest vorgenommen. Für die Gruppenphase habe ich schon alles gebucht, sowohl die Flüge als auch die Hotels. Zum Abschluss der Vorrunde bin ich noch in New York, bei Deutschland gegen Ecuador und dann zwei Tage später bei England gegen Panama. Wie es in der K.-o.-Runde weitergeht, hängt vom Spielplan ab.“
Warum doch nicht Schluss?
Während der WM 2022 haben Sie in einem Interview mit dem „Spiegel“ gesagt, dass die EM 2024 wohl Ihr letztes Turnier sein werde. Was hat Sie noch einmal umdenken lassen? „Die WM ist eine Aufgabe, die ich mir selbst stelle. Eine Challenge für mich. Und ich weiß, wenn ich zu Hause wäre und mir die Spiele im Fernsehen anschauen würde: Ich wäre – in Anführungszeichen – verrückt geworden. Da begehe ich lieber die Verrücktheit, vor Ort zu sein.“
Die Reaktion der Ehefrau
Und was hat Ihre Frau dazu gesagt? „Musst du dir das antun?“ Meine Frau ist nicht gerade begeistert. Aber Sie haben es sich abgewöhnt, in dieser Angelegenheit auf Ihre Frau zu hören. „Ja, und sie hat sich abgewöhnt, mich diesbezüglich zu beeinflussen.“
Training für den Kopf
Was treibt Sie in Ihrem Alter überhaupt noch an? „Es ist ein Training für meinen Kopf. Ich werde gefordert. Wenn ich bei Länderspielen bin, wie jetzt gerade in Mainz, dort junge Kollegen treffe und mich mit ihnen unterhalte, dann muntert mich das regelrecht auf. Da fühle ich mich wohl, und das ermutigt mich. Das habe ich schon vor dreieinhalb Jahren in Katar gemerkt. Da bin ich auch mit Bammel hingeflogen und dann richtig aufgelebt. Das hat mir unglaublich gut getan. Ich hoffe, dass es diesmal ähnlich sein wird.“
Zusammentreffen mit Gianni Infantino?
Droht Ihnen denn auch wieder, wie in Katar, ein Zusammentreffen mit Gianni Infantino, dem Präsidenten des Weltfußballverbandes Fifa? In Katar hat die Fifa eine große Show darum veranstaltet, wer an den meisten Weltmeisterschaften teilgenommen hatte. Damals lag ich an zweiter Stelle, und Infantino wollte mich unbedingt kennenlernen. Ich habe mich eher gefragt: Was will der denn von mir? Ich kenne den Mann nicht. Am liebsten hätte ich abgesagt. Andere Leute in meinem Alter leisten sich eine Kreuzfahrt. Mein Ding ist das nicht. Mein Ding ist eben diese WM. Das ist meine Kreuzfahrt im Alter.“
Aber dann kam in der Pause des Spiels Brasilien gegen die Schweiz jemand aus seinem Staff, hat mich von meinem Platz auf der Pressetribüne abgeholt und mich in die Lounge begleitet, wo die ganzen Vips waren. Da hat mich Infantino empfangen. Aber diese Veranstaltung von der Fifa und der AIPS … … dem Internationalen Sportjournalisten-Verband … … konnte es in dieser Form ja nur geben, weil in Katar alle Spiele an einem Ort stattgefunden haben. Das ist diesmal gar nicht möglich.
Rekordjagd? Nicht im Fokus
Wer hatte denn damals die meisten WM-Teilnahmen? Ein argentinischer Fernsehjournalist, der schon 17 Weltmeisterschaften besucht hatte und mittlerweile 92 ist. Aber er ist damals für diese Veranstaltung nach Doha eingeladen worden und hat schon nicht mehr gearbeitet. Ich arbeite ja noch. Platz eins sei ihm gegönnt. Ich fahre auch nicht zur WM, um den Rekord einzustellen. Das ist für mich nur Beiwerk. Mich interessiert diese Weltmeisterschaft. Mich interessiert, ob ich das noch packe. Und wie ich das packe.
Finanzielle Erwägungen
Welche Rolle spielen finanzielle Erwägungen? Rechnet sich diese WM für Sie überhaupt? „Ob sich das rechnet oder nicht, das ist nicht der Punkt. Andere Leute in meinem Alter, die noch was auf der hohen Kante haben, leisten sich eine Kreuzfahrt, reisen um die Welt oder geben auf andere Weise ihr Geld aus. Mein Ding ist das nicht. Mein Ding ist eben diese Weltmeisterschaft. Das ist sozusagen meine Kreuzfahrt im Alter.“
Erste WM 1962 in Chile
Bei Ihrer ersten WM 1962 in Chile waren Sie erst 24. Unter den deutschen Journalisten war ich damals der Jüngste. Ein gutes Dutzend deutscher Kollegen war in Chile dabei, alle älter als ich, aber auch sehr, sehr hilfsbereit. Sie hatten die Kontakte zu den Spielern aus den damaligen Oberligen, die ich nicht hatte. Warum nicht? „Ich habe damals bei der amerikanischen Nachrichtenagentur United Press International gearbeitet, die sich für die Oberligen in Deutschland nicht interessiert hat. Aber weil sich die Nationalmannschaft für die WM qualifiziert hatte, gehörte ich als Deutscher zum internationalen Team. Ich war sozusagen in der UPI-Weltauswahl.“
Mein Arzt hat mich ein Jahr lang auf diese WM vorbereitet. Ich habe alle medizinischen Checks gemacht, das Herz noch mal untersuchen lassen und war zum CT in der Röhre.
Reise nach Chile 1962
Wie sind Sie damals nach Chile gereist? „Ich bin mit der Mannschaft geflogen. Man muss sich das mal vorstellen: Damals kostete ein Flug nach Santiago de Chile so viel wie ein Volkswagen. Dafür hast du vom Kapitän sogar eine Urkunde mit deinem Namen bekommen, weil du den Äquator überquert hattest. Und weil die Nationalmannschaft an Bord war, sind wir eine Schleife um den Aconcagua, den höchsten Berg der Anden, geflogen, als Sightseeing-Zugabe für die Spieler sozusagen. Das sind Dinge, die man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann.“
Nähe zur Nationalmannschaft
Wie nah ist man der Nationalmannschaft damals noch gekommen? „Als wir in Buenos Aires zwischengelandet sind, wurde der Nationalmannschaft von den Schülern der deutschen Schule ein Ständchen gebracht. Zwei Plätze neben mir, direkt am Fenster, saß Karl-Heinz Schnellinger. Er schaute aus dem Fenster und murmelte vor sich hin: ‚Da draußen steht die Nazi-Brut.‘ So etwas hast du damals als Journalist noch hautnah mitbekommen.“
Begegnung mit Sepp Herberger
Und Sie kannten Bundestrainer Sepp Herberger, weil Sie sich als Schüler mal ein Autogramm von ihm geholt hatten. „Kennen wäre zu viel gesagt. 1952 war Herberger bei einem Spiel am Bornheimer Hang, um Richard Herrmann vom FSV Frankfurt zu beobachten. Da habe ich mir von ihm ein Autogramm geholt. Herberger sagte: ‚Gib mir deine Adresse, dann schick ich dir ein Foto.‘ Ein paar Monate später kam überraschend eine Grußkarte aus Ludwigshafen, wo die Nationalmannschaft ein Länderspiel bestritten hatte. An den Schüler Hartmut Scherzer. ‚Lieber Hartmut, vom Länderspiel …‘. Die ganzen Nationalspieler und Herberger hatten unterschrieben. Das war für mich sensationell. Mein Interesse am Sport und an den Sportstars ist dadurch entstanden, dass ich als Kind Autogrammsammler war.“
Arbeitsbedingungen 1962
Wie waren 1962 die Arbeitsbedingungen für Journalisten, die die Nationalmannschaft begleiteten? „Herberger hat sich damals mit der Nationalmannschaft in einer Kaserne des chilenischen Militärs einquartiert. Die wurde streng bewacht, und ringsum waren hohe Mauern. Da kamst du nur zu offiziellen Pressekonferenzen rein. Die Fotografen haben eine Leiter an die Mauer gelegt, sind da hochgeklettert und haben über die Mauer das Training fotografiert. Ich glaube, wir konnten nur ein-, zweimal beim Training zuschauen. Schon 1962 bei Herberger war es also genauso abgeschottet wie heute.“
WM 1966 in England: Private Besonderheit
Die WM vier Jahre später in England war für Sie auch eine besondere, allerdings vor allem aus privaten Gründen. „Meine Frau Barbara war hochschwanger, und damals wusste man noch nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Meine Frau sagte: So, wie das Baby im Bauch rumort, wird es Junge. ‚Das ist ein Boxer!‘ Nach dem Spiel gegen Spanien, in dem Lothar Emmerich dieses legendäre Tor praktisch von der Eckfahne erzielt hat, bekam ich im Hotel einen Anruf von meiner Mutter: Meine Frau sei jetzt im Krankenhaus. Als ich dort anrief, war das Kind gerade zur Welt gekommen. Aber es war kein Junge, sondern ein Mädchen. Die Kollegen, mit denen ich abends in Sheffield unterwegs war, haben gesagt: ‚Eigentlich kann das Mädchen nur Emma heißen.‘“ Wegen Lothar Emmerich, dessen Spitzname Emma war. „Genau, aber meine Frau und ich, wir haben uns dann doch lieber auf Nicole geeinigt.“
Keine vorzeitige Abreise
Aber die Geburt war kein Anlass, von der WM vorzeitig nach Hause zu reisen. „Nein, ich bin bis zum Finale geblieben. Bei dieser Weltmeisterschaft hatten die vier Weltagenturen, also die Associated Press, die United Press, für die ich gearbeitet habe, Agence France-Presse und Reuters, eine Sonderakkreditierung, mit der man nach den Spielen in die Kabine durfte. Einmal war ich bei den Spaniern und saß dort neben Luis Suarez. Dem legendären Spielmacher von Inter Mailand. Ich habe ihn gefragt, ob er Englisch spreche. ‚No‘, antwortete er. Und weil ich kein Spanisch spreche, war das das kürzeste Interview, das ich je geführt habe. Ich saß neben ihm, aber wir konnten uns nicht unterhalten. Ärgerlich. Nach dem Finale wurde ich dafür entschädigt. Da war ich in der Kabine der Deutschen und saß neben Franz Beckenbauer. Wir haben uns also unterhalten. Aber seltsamerweise war das Wembley-Tor gar kein Thema. Ich habe Beckenbauer gefragt, wie er das Endspiel erlebt hatte. Und obwohl er erst 20 war, waren wir per Sie. Seine Antwort habe ich noch im Kopf. ‚Ich hatte die Aufgabe, den englischen Spielmacher, Bobby Charlton, zu bewachen, und das ist mir, glaube ich, gut gelungen‘, sagte er. ‚Vor allen Dingen ist Bobby Charlton ein sehr, sehr fairer Spieler.‘ Das war unser Gespräch in der Kabine nach dem unglücklich verlorenen Endspiel gegen England.“
Reaktion der Ehefrau auf die späte Rückkehr
War Ihre Frau eigentlich nicht sauer auf Sie, dass Sie erst so spät nach der Geburt Ihrer Tochter nach Hause gekommen sind? „Nein, das waren eben andere Zeiten. Und ich habe diese Zeiten alle mitgemacht.“
Verrücktheit 2002: WM und Boxkampf
Aber 2002 sind Sie von der WM in Japan für einen Boxkampf in die USA geflogen. „Ich bin immer verrückt gewesen, wie auch jetzt. Aber das war meine größte Verrücktheit. Zwischen zwei Vorrundenspielen der deutschen Mannschaft bin ich von Tokio nach Memphis geflogen, wo Lennox Lewis seinen WM-Titel im Schwergewicht gegen Mike Tyson verteidigt hat. Nach dem zweiten Spiel der Deutschen bin ich aufgebrochen, und rechtzeitig zum letzten Gruppenspiel war ich wieder zurück.“
Lieblings-WM: Mexiko 1970
Gibt es eigentlich ein WM-Turnier, das Ihnen von allen, die Sie erlebt haben, das liebste ist? „Da muss ich nicht lange überlegen: Das ist die Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Die Nationalmannschaft hat ihre Gruppenspiele damals in Léon bestritten und wohnte in der Nähe in einem exklusiven Hotel. Anders als 1962 durften wir uns dort auch aufhalten. Die Spieler lagen am Pool, und wir konnten uns mit ihnen unterhalten. Ich bin auch Zeuge geworden, wie Bundestrainer Helmut Schön von seinen Spielern in den Pool geworfen wurde.“ Mit Klamotten? „Ja, mit Klamotten. Schön ging am Pool vorbei. Max Lorenz, der Spaßvogel im Team, gab das Kommando, und dann kamen die anderen Spieler angerannt, haben Schön gepackt und in den Pool geworfen. Eines Tages erschien auch noch Max Schmeling zu Besuch im Mannschaftshotel. Das Comeback von Muhammad Ali nach seiner Verbannung war damals ein großes Thema. Ich weiß noch, dass ich mich mit Schmeling darüber unterhalten habe. Also, Mexiko 1970, das war die schönste Weltmeisterschaft. Es war so toll. Auch das ganze Flair, die Atmosphäre in Léon. Und die Spiele natürlich. Das Viertelfinale gegen England, der sensationelle Sieg in der Verlängerung, nachdem wir schon 0:2 hinten gelegen hatten: Das war ja auch schon eine Art Jahrhundertspiel.“
Abschluss der WM-Karriere?
Jetzt reisen Sie wieder nach Mexiko. Wäre das nicht ein schöner, runder Abschluss Ihrer WM-Karriere? „Die nächste Weltmeisterschaft ist in Spanien, Portugal und Marokko. Das ist ja sozusagen vor der Haustür … Nein, mal sehen, wie ich mich in vier Jahren fühle. Jetzt steht erst einmal dieses Abenteuer in Mexiko und den USA an. Danach schaue ich, wie ich das überstanden habe, ob der liebe Gott weiterhin auf meiner Seite ist und mich gesund hält. Mein Arzt hat mich ein Jahr lang auf diese Weltmeisterschaft vorbereitet. Ich habe alle medizinischen Checks gemacht, das Herz noch mal untersuchen lassen und war zum CT in der Röhre. Von den Ärzten habe ich grünes Licht.“



