Thun-Präsident Gerber über Fischer und Lustrinelli: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Gerber über Fischer und Lustrinelli: Gemeinsamkeiten

Thun-Präsident Andres Gerber (53) tauscht sich oft mit Urs Fischer (60) aus. Die Verpflichtung des Schweizers Mauro Lustrinelli (50) als neuen Trainer von Union Berlin weckt Erinnerungen an Urs Fischer, obwohl beide unterschiedlichen Fußball spielen lassen. Einer, der beide gut kennt, ist Thun-Präsident Andres Gerber.

Gemeinsamkeiten der beiden Trainer

Im dritten Teil des großen Interviews spricht Gerber über Gemeinsamkeiten der beiden, die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland und Lustrinellis Umgang mit jungen Spielern. Auf die Frage, ob Fischer und Lustrinelli Gemeinsamkeiten haben, antwortet Gerber: „Sie sind nicht absolute Perfektionisten, aber es geht in diese Richtung. Sie sind beide sehr zuverlässig. Urs wirkt vielleicht ruhiger, aber er ist auch erfahrener. Er wirkt solider als Person, auch körperlich, weil er stämmig ist und diese raue Stimme hat. Mauro ist da dynamischer, energetischer, ein wenig luftiger. Aber beide haben viel Energie. Da habe ich immer wieder gestaunt, wie sie das schaffen. Nach Niederlagen, dann die Heimreise und am nächsten Morgen wieder da. Vor allem Urs ist da unglaublich. Er ist aus hartem Holz geschnitzt. Wir waren oft noch am Schluss da und haben philosophiert, aber am nächsten Morgen war er als erster und bereit. Und Mauro steht auch immer vor der Mannschaft und weiß genau, was er sagen will. Er ist immer vorbereitet. Da haben sie gemeinsam: Diese Seriosität bezüglich Fußball. Da nehmen sie es ganz genau. Sie lassen nicht einfach spielen und schauen dann weiter, sondern haben einen genauen Plan. Beide wollen nichts dem Zufall überlassen.“

Umgang mit Vergleichen

Wie schnell wird Lustrinelli von den Vergleichen genervt sein? Gerber meint: „Das kann schnell passieren und ist menschlich. Du willst nicht verglichen werden. Du willst deine eigene Identifikation und dein eigenes Image aufbauen. Aber ich glaube, die Vergleiche können ihm auch helfen. Man wird Urs Fischer immer wieder auf Mauro ansprechen. Der wird sagen, dass man ihm Zeit lassen soll und es am Anfang für einen Schweizer in Deutschland nicht so leicht ist. Auch Martin Schmidt wird das sagen. Mauro hat natürlich seinen Stolz, für den er auch einsteht. Das kann ihm auch helfen.“

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Was Fischer richtig gemacht hat

Gerber lobt Fischers Ehrlichkeit: „Urs ist unglaublich ehrlich. Man kann ihm nichts vorwerfen. Er sagt immer, was er denkt und wie er die Dinge einschätzt. Das ist alles nachvollziehbar, was er sagt – über den Gegner, den Schiedsrichter, das System, seine Auswechslungen und so weiter. Dann kannst du als Journalist nichts dagegen sagen.“ Kann Lustrinelli das auch? „Ich denke schon. Das ist ein super Rezept. Wenn du verstecken spielst und pokerst, dann merken Journalisten das schnell. Die warten dann darauf, einen daran zu erinnern, was man davor gesagt hat. Sag einfach, was ist und was du denkst. Man kann sich immer täuschen, aber auch das kann man hinterher zugeben.“

Tipps für Lustrinelli

Gerber hat Lustrinelli keine speziellen Tipps mit auf den Weg gegeben: „Er ist erwachsen und reif für diesen Schritt. Er ist sehr reflektiert. Das habe ich in den letzten Jahren gespürt und habe ich ihm auch schon gesagt. Ich finde es super, dass man merkt, dass er seine Worte bewusst wählt. Du merkst, er hat einen klaren Plan, was er der Mannschaft vermitteln will. Er und sein Staff sind minutiös vorbereitet. Auf das Training, auf Vorbesprechungen, auf Nachbesprechungen. Deshalb glaube ich, er weiß selbst, worauf er Acht geben muss, damit er nicht in eine Falle tritt.“

Zukünftige Treffen

Gerber und Lustrinelli haben bereits vereinbart, sich wiederzusehen: „Er kommt sicher noch beim ersten Training vorbei, um den Staff zu verabschieden. Aber danach nicht, nein. Seine Familie bleibt hier, er wird also sicher ab und an nach Thun kommen. Ja, wir werden uns sicher sehen und hören. Was wir hier in den letzten Jahren erlebt haben, verbindet uns langfristig. Das wirkt irgendwie freundschaftlich, aber privat haben wir selten etwas gemacht. Obwohl wir alle in der gleichen Region wohnen. Wir haben großen Respekt voreinander und das wird auch so bleiben. Er wäre auch nicht zu stolz, mich mal nach meiner Meinung zu fragen. Und umgekehrt genauso – wenn ich irgendetwas wissen möchte, werde ich ihm sicher schreiben.“

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Unterschiede zwischen Schweiz und Deutschland

Gerber beschreibt das Umfeld in Thun als beschaulich: „Das findest du in Deutschland wahrscheinlich nicht so. In der Bundesliga ist alles viel größer. Hier geht man respektvoll miteinander um, es gibt nicht so viel Druck. Das hat sicher auch mit der Region zu tun. Mit dem See und den Bergen. Die ganze Region ist gemütlich. Hier kommen die Leute her, um Urlaub zu machen. Diese Beschaulichkeit verlässt er jetzt. Berlin ist so ungefähr das Gegenteil – eine Großstadt, kein See, keine Berge. Wenn man hier ist und gelegentlich Vogelgezwitscher hört, dann auf die Berge schaut, hat man sofort einen ruhigeren Puls. Alles ist ruhiger hier.“ Auch mit den Fans sei es überschaubar: „Wenn es voll ist, sind es 10.000 Zuschauer. Das ist für uns schon genial. In Deutschland hat man 80.000 Zuschauer in Dortmund. Aber da wird Mauro sich sicher nicht beklagen. Er wird sich schnell daran gewöhnen.“

Lustrinellis Umgang mit jungen Spielern

Gerber lobt Lustrinellis Fähigkeit, junge Spieler zu fördern: „In Thun konnte er ja ein paar aus dem Nachwuchs hochziehen. Er hat einen guten Mix. Es gibt Trainer, die setzen größtenteils auf die jungen Spieler. Und dann gibt es die anderen, die haben Angst und wollen nur erfahrene Spieler. In Thun haben wir einen realistischen Mix. Junge Spieler unbedingt, aber es braucht auch Stabilität für das Ganze. Dafür steht er. Man merkt, dass er die Älteren einbindet für die Stabilität. Aber er ist auch mutig genug, ab und an einfach einen jungen Spieler reinzuwerfen und ihm eine Chance zu geben.“ Auch in Krisenzeiten habe Lustrinelli ein gutes Gespür: „Mauro hat da ein gutes Gespür, wer das Potenzial hat. Das hat er hier bewiesen. Wir haben drei vier Fälle, die sich super entwickelt haben. Aber das war auch in diesem Umfeld, wo man weiß, dass einem nicht der Kopf abgerissen wird, wenn man zwei oder dreimal verliert.“

Spielerabgänge nach Union?

Gerber hat keine Angst, dass Lustrinelli Spieler von Thun mitnimmt: „Nein, nicht wirklich. Ob ein Spieler zu Union geht oder zu Marseille oder Palermo ist uns grundsätzlich egal. Für uns muss es stimmen, dann ist es uns egal. Es ist aber immer schön, wenn man weiß, dass sie eine gute Zukunft haben. Man hat ja eine gewisse Zeit zusammen verbracht und die meisten Spieler mag man ja auch als Menschen.“