Oliver Baumann: Der Friedensstifter im deutschen Tor
Oliver Baumann hätte allen Grund, wütend zu sein – auf Bundestrainer Julian Nagelsmann, auf seinen Konkurrenten Manuel Neuer oder die Welt an sich. Doch der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft gibt sich pazifistisch. Nach seiner Degradierung von der Nummer 1 zur Nummer 1b sprach er erstmals öffentlich über die Situation und zeigte dabei eine bemerkenswerte Gelassenheit.
Baumanns Reaktion: „Anfangs war es hart“
Nach dem letzten Testspiel vor der WM gegen die USA, das Deutschland mit 2:1 gewann, stand Baumann noch einmal im Tor, weil Neuer angeschlagen pausierte. Im Interview mit RTL gab er zu: „Anfangs war es natürlich hart. Das war nicht ganz cool von meinem Gefühl her.“ Doch er betonte, nie daran gedacht zu haben, nicht zur WM zu reisen: „Mir war sofort klar, dass ich fürs Team da sein werde und mitgehe.“ Auch das Verhältnis zu Neuer sei intakt: „Mit Manu verstehe ich mich super.“
Nagelsmanns Lob: „Total über seinen Schatten gesprungen“
Bundestrainer Julian Nagelsmann zeigte sich beeindruckt von Baumanns Professionalität. „Es hätte mich nicht gewundert, wenn er zwei, drei Wochen mit mir nicht spricht“, sagte Nagelsmann. Doch Baumann sei „total über seinen Schatten gesprungen“. Diese Reaktion steht im Kontrast zu früheren Torwartkriegen in der deutschen Nationalmannschaft.
Historische Torwartkriege: Von Tilkowski bis Kahn
Der Kampf um den Platz im Tor hat in Deutschland eine lange Tradition. Schon 1962 verlor Hans Tilkowski kurz vor der WM in Chile seinen Stammplatz an den 20-jährigen Wolfgang Fahrian. Tilkowski bat um seinen Reisepass und trat vor Wut einen Stuhl durchs Hotelzimmer. 1986 eskalierte der Konflikt zwischen Toni Schumacher und Uli Stein, der Teamchef Franz Beckenbauer als „Suppenkasper“ beschimpfte und vorzeitig nach Hause geschickt wurde.
Der große Krieg 2006: Kahn gegen Lehmann
Besonders heftig tobte der Torwartkrieg vor der Heim-WM 2006 zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann. Bundestrainer Jürgen Klinsmann rief einen offenen Konkurrenzkampf aus und setzte schließlich Lehmann als Nummer 1 ein. Die Tagesschau widmete der Entscheidung die Hauptnachricht. Kahn entschloss sich dennoch, als Nummer 2 mitzufahren. Das Bild, wie Kahn Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien Glück wünschte, gilt als Friedensschluss.
Die aktuelle Situation: Neuer als Nummer 1, Baumann bereit
Anders als in der Vergangenheit herrscht im deutschen Tor derzeit Harmonie. Manuel Neuer ist als Nummer 1 gesetzt, doch der 40-Jährige hat mit alterstypischen Verletzungen zu kämpfen. Nagelsmann ist auf einen möglichen Wechsel vorbereitet. Baumann zeigte zuletzt gegen die USA, dass er bereit ist. Beim 4:0 gegen Finnland wurde er mit Sprechchören gefeiert. „Ein großer Sportsmann“, lobte Nagelsmann, sein Verhalten sei „erste Sahne“.
Die Geschichte zeigt, dass Torwartkriege in Deutschland oft eskalieren. Doch dank Baumanns Friedensbereitschaft droht diesmal kein neuer Krieg. Die Fans honorieren dies mit Applaus. Und sollte Neuer ausfallen, steht mit Baumann ein würdiger Ersatz bereit.



