WM-Geschichte: Von Mussolini bis Trump – ein Interview über die dunkle Seite
WM-Geschichte: Von Mussolini bis Trump

Die dunkle Seite der WM-Geschichte: „Die FIFA macht es Trump zu leicht“

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika steht unmittelbar bevor, und schon jetzt wird sie von lautem politischem Gepolter begleitet. US-Präsident Donald Trump wird das Turnier nutzen, wie es vor ihm bereits Diktatoren taten. In der Geschichte der Weltmeisterschaften ist dies kein neues Phänomen. Der Wissenschaftler Carlos Gomes hat gemeinsam mit seinem Co-Autor Glenn Jäger in ihrem Buch „Griff nach Gold“ die dunkle Kontinuität in der Geschichte der strahlendsten Großveranstaltung des Weltsports nachgezeichnet. Von der faschistischen Inszenierung rund um die Mussolini-WM 1934 über die grausamen Begleitumstände des von Jorge Videla missbrauchten Turniers 1978 bis hin zur bevorstehenden Weltmeisterschaft: Hinter den Milliarden begeisternden Turnieren tut sich ein Abgrund auf. Ein Gespräch über Verantwortung, ein Dilemma und Hoffnung.

Die Motivation für eine kritische WM-Geschichte

Herr Gomes, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Co-Autor eine kritische Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften seit 1930 geschrieben. Woher kam die Motivation?

Carlos Gomes: Die WM 2022 in Katar war ein Auslöser. Mit der starken Kritik, die es vor allem in Deutschland gab, war ich zum größten Teil einverstanden. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wurde, um die aktuelle Situation der FIFA zu kritisieren – und dabei die Vergangenheit verherrlicht wurde. Als wäre die FIFA vor Sepp Blatter und Joao Havelange ein Verband voller Fußballromantik gewesen. Doch das stimmt nicht: Schon die WM 1934 in Mussolinis Italien oder der Boykott afrikanischer Länder 1966 zeigen ein anderes Bild. Ich spürte das Bedürfnis, mit dieser exzessiven Romantisierung der WM-Vergangenheit aufzuräumen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Wann wurden WM zu politischen Veranstaltungen?

Ab wann wurden Fußball-Weltmeisterschaften zu politischen Veranstaltungen?

Wenn man sieht, dass die zweite WM in Mussolinis Italien stattfand, würde ich sagen: schon dort. Mussolini war kein Fußballfan, aber er engagierte sich stark für die WM, weil er wusste, dass man durch Großereignisse die Massen begeistern und manipulieren kann. Vor und nach den Spielen gab es faschistische Propagandashows. Die italienische und deutsche Mannschaft zeigten den faschistischen Gruß, und die Siegerehrung stand im Zeichen faschistischer Symbolik. Auch Brasiliens WM-Sieg 1970 wurde von der Militärdiktatur propagandistisch genutzt.

Trump in der Tradition von Faschisten und Diktatoren?

US-Präsident Donald Trump nutzt die WM als politisches Kampfmittel. Steht er damit in einer Tradition mit Faschisten und Diktatoren?

Es gibt große Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten. Trump hat die FIFA dazu gebracht, ihm einen Friedenspreis zu verleihen – grotesk. Auch bei der Klub-WM nutzte er die Bühne für Selbstdarstellung. Er wird das Turnier wie Mussolini oder Videla für Propaganda nutzen. Zudem drohte er vor der WM-Vergabe via Twitter, Abweichler abzustrafen. Im Schatten dieser Erpressung geschah etwas, das den Druck auf die FIFA erhöht haben könnte.

FIFA und die USA: Ein Deal?

Die USA wollten die WM 2022, die FIFA entschied sich für Katar. Kurz nach der Entscheidung wurden FIFA-Funktionäre vom FBI festgenommen. Später vergab man die WM 2026 an die USA. Ein Zusammenhang?

Es lässt sich vermuten, dass es einen Deal gab. Die großen Prozesse gegen FIFA-Funktionäre verliefen im Sand, nur kleinere wurden verurteilt. Die Chronologie ist anrüchig, auch wenn handfeste Beweise fehlen. Die FIFA gibt sich Mühe, Trump milde zu stimmen, was verständlich ist, um Planungssicherheit zu erhalten. Doch die FIFA macht es ihm zu leicht, indem sie ihm Macht gibt und zu wenig vermittelt – etwa bei der Situation mit dem Iran, wo Einreise und Sicherheit unklar sind.

Die Rolle der Verbände und Spieler

Die Spieler sind in einer schwierigen Lage. Sollten sie sich politisch äußern?

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Für einen einzelnen Verband ist es schwierig, etwas zu bewirken. Schade ist, dass sich die Verbände nicht vereinen. Wenn Kontinentalverbände klare Forderungen stellten, hätte das Kraft. Fans einiger Länder müssen bis zu 15.000 Euro Kaution zahlen – da sollten Verbände schnell sagen: „Unter diesen Umständen spielen wir nicht.“ Die Verbände müssten eine klarere Haltung zeigen. Auch die Spiele des Iran in den USA, einem Land, das ihre Heimat bombardiert, sind problematisch. Die FIFA hätte die Spiele nach Mexiko oder Kanada verlegen sollen.

Positive Aspekte der WM

Kann während der WM Positives passieren?

Wenn lateinamerikanische Mannschaften gut spielen und weit kommen, wäre das eine poetische Antwort auf den Hass gegen die Latino-Community. Auch einzelne Spieler können sich positionieren. Die WM 1978 in Argentinien war ein dunkles Kapitel, aber Breitner sagte ab. Heute wäre es schwer, sich hinter der Trennung von Sport und Politik zu verstecken. Kimmich sagt, die Verbände seien gefragt, aber Spieler haben durch ihre Reichweite Macht und sollten sich zu Themen äußern, die mit ihrem Sport zu tun haben.

Positive WM-Beispiele

Gibt es WM, die positiv herausragen?

Die erste WM in Uruguay 1930 war ein starkes Signal: Uruguay war progressiv in Arbeiterrechten und bekämpfte Rassismus. In Chile beschleunigte die WM 1962 gesellschaftliche Prozesse und brachte das erste Fernsehsystem. Die WM 2010 in Südafrika war symbolisch wichtig als erste auf dem Kontinent. Allerdings kommt von den Milliardenumsätzen wenig bei der Bevölkerung an. Kleine Geschäfte dürfen keine WM-Produkte verkaufen, nur Sponsoren. Die FIFA könnte sozialen Fortschritt fördern, aber es fehlt an Motivation.

Boykott oder nicht?

Es gab Diskussionen um einen deutschen WM-Boykott. Was halten Sie davon?

Ich bin kein Fan von Boykotten. Wichtig ist, Informationen zu vermitteln, damit jeder sich eine Meinung bilden kann. Wer 2022 zum Boykott aufrief, sollte jetzt konsequent sein. Ich sehe kritisch, dass Verstöße der USA anders bewertet werden als die in Katar. WM können Begegnungen ermöglichen, wie 1998 der Fair-Play-Preis für USA und Iran. Deshalb sollte ein Boykott nur in extremen Fällen erwogen werden. Man sollte den Fußball konstruktiv nutzen, aber dafür braucht es politisches Engagement von FIFA und Verbänden.

Das Dilemma der Fußballfans

Kritische Fans befinden sich in einem Dilemma. Wie lässt es sich auflösen?

Es ist ein Widerspruch, mit dem Fans leben müssen. Ich respektiere Boykotte, verstehe aber auch, dass man auf das Event nicht verzichten möchte. Ich würde nicht zu diesem Turnier reisen. Man kann mit Konsumverhalten protestieren, indem man keine FIFA-Sponsorenprodukte kauft. Als Einzelner hat man wenig Macht, man müsste sich vernetzen und Initiativen starten. Sonst ist es der FIFA egal, ob man das Turnier gut oder schlecht findet.

Mit Carlos Gomes sprach Till Erdenberger.