Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte an Berliner Schulen bewertet Gewalt und Konflikte als großes oder sehr großes Problem. Fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme der Gewalt seit der Corona-Pandemie. Dies geht aus dem erstmals erstellten „Gewalt- und Konfliktbarometer“ hervor, das am Montag vorgestellt wurde. Schulleitungen nannten die Ergebnisse gegenüber dem Tagesspiegel „erschreckend“.
14.000 Schüler und 2.500 Lehrkräfte befragt
An der Befragung nahmen 14.000 Schüler und 2.500 Lehrkräfte teil. Nur vier Prozent der Lehrkräfte sehen kein Problem. Auffällig ist auch die Entwicklung an Grundschulen sowie die zunehmende Bedeutung digitaler Gewalt und „religiöser und sozialer Konformitätsdruck“. Die Hälfte der Neuntklässler berichtete, dass über sie Gerüchte und Lügen verbreitet würden.
Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), die die Befragung beauftragt hatte, bezeichnete die Ergebnisse als „deutliches Warnsignal“. Berlin legt damit als erstes Bundesland eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zu Konflikten und Gewalt an Schulen vor. 450 Berliner Schulen wurde die Teilnahme an der Befragung angeboten.
Studie unter Leitung von Universitätsprofessoren
Die Senatorin präsentierte die Ergebnisse zusammen mit Ullrich Bauer von der Universität Bielefeld und Marc Grimm von der Universität Wuppertal, die die Untersuchung leiteten. Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach verantwortete die Befragung. Die Studie erfasste alle Formen von Gewalt, deren Ausmaß und Dynamiken, Gewaltbeziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und weiterem Schulpersonal sowie die Folgen von Gewalt und den institutionellen Umgang mit Gewaltvorfällen.
Ambitioniertes Vorhaben der Regierungspolitik
Mit der Beauftragung und Vorstellung des Barometers setzte Günther-Wünsch ein Vorhaben der zu Ende gehenden Legislatur um, das 2023 in die „Leitlinien der Regierungspolitik“ aufgenommen worden war. Explizit aufgeführt wurden dabei Mobbing, Antisemitismus, Sexismus, Konflikte durch religiösen Konformitätsdruck, Queer- und Transfeindlichkeit und andere Diskriminierungsformen. Ziel war ein „belastbares und differenziertes Lagebild“, um darauf aufbauend „wirksame und passgenaue Unterstützungsmaßnahmen für den schulischen Alltag zu entwickeln“.
Qualitative Befragungen ergänzen die Studie
Zusätzlich gab es eine qualitative Befragung von 41 Schülerinnen und Schülern in Einzel- oder Tandeminterviews sowie 43 Lehrkräfte und weitere pädagogische Fachkräfte in elf Gruppendiskussionen. Die Auswahl der Klassen erfolgte nach dem Zufallsprinzip. Die Studie war ergebnisoffen angelegt; konkrete Maßnahmen sollen erst auf Grundlage der Befunde entwickelt werden. Zudem soll geprüft werden, in welchem Umfang bestehende Gewaltpräventions- und Demokratieförderprogramme fortgeführt, angepasst oder ergänzt werden sollten.



