Drei Wochen sind vergangen, seit Henry ausgezogen ist. Manuela Hüttner streift durch ihre Wohnung in Stuttgart und merkt plötzlich, dass etwas fehlt. Nicht nur ein Mensch, sondern ein Sinn. Die Abende sind still. Zu still. Kein Schlüssel, der sich im Schloss dreht. Kein „Mama, ich bin wieder da“. Kein Rascheln von Sporttaschen, kein schneller Snack zwischen Schule und Training. Stattdessen: Stille, die sich ausbreitet, in jeden Raum, in jede Ecke und irgendwann auch in Manuela Hüttner selbst. „Mein ganzes Leben ist komplett zusammengebrochen, mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen“, beschreibt sie.
Was ist das Empty-Nest-Syndrom?
Was sie erlebt, wird als Empty-Nest-Syndrom (Deutsch: Leeres-Nest-Syndrom) bezeichnet. Dabei handelt es sich laut der Essener Familientherapeutin Birte Hoffmann um einen Begriff, der keine offizielle Diagnose ist, sondern eine normale Übergangsphase im Familienlebenszyklus beschreibt. Es ist „die emotionale Reaktion von Eltern, wenn ihre Kinder das Elternhaus verlassen“. Wenn Kinder ausziehen, müssen sich Rollen, Beziehungen und der Alltag neu ordnen. Dass sich Eltern dabei stolz, erleichtert, traurig oder auch leer fühlen, ist normal und an sich unproblematisch. Kritisch wird es, wenn belastende Gefühle länger anhalten und den Alltag deutlich beeinträchtigen.
Manuelas Weg zurück ins Leben
Manuela Hüttner hatte Angst, ihren Sohn zu verlieren. „Ich habe mich sehr über diese Mutterrolle definiert“, gesteht sie. Die Stille in der Wohnung wurde zur Last. Doch sie fand überraschend einen Weg zurück: Sie begann, neue Hobbys zu entdecken und alte Freundschaften wiederzubeleben. „Ich habe gelernt, dass ich auch ohne die tägliche Fürsorge für Henry einen Wert habe“, sagt sie. Heute blickt sie optimistisch in die Zukunft und ermutigt andere Eltern, sich in dieser Übergangsphase Hilfe zu suchen.



